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Axel Mönch zur Herkunftskennzeichnung

Ob er es nun wissen will oder nicht – der Käufer von Schweinefleisch bekommt demnächst auch Informationen über die Herkunft der Tiere. Aus den Etiketten von vorverpackter Ware gehen dann nicht mehr nur das Gewicht, die Art des Teilstücks oder die Verwendung von Zusatzstoffen hervor. Der Käufer bekommt zusätzlich ein „D,D“ oder auch mal ein „NL,D“ geboten. Manchmal wird er auch ein exotischeres „DK,DK“ auf dem Etikett finden.

Im April tritt die neue Lebensmittel-Informationsverordnung in Kraft. Sie schreibt vor, dass der EU-Mitgliedstaat von Aufzucht und Schlachtung der Tiere auf vorverpacktem Schweinefleisch angegeben werden muss. Das galt bisher nur für Rindfleisch. Im Dezember 2013 hatte man sich in Brüssel darauf verständigt, die Herkunftskennzeichnung auch auf Schweine-, Schaf- und Ziegenfleisch auszudehnen. Treibende Kraft zur vermeintlichen Initiative in Sinne des Konsumenten waren das Europaparlament und einzelne EU-Mitgliedstaaten, wie etwa Italien.

Die drohende Flut von Buchstaben zur Herkunft der Ware in den Fleischtheken ist überflüssig und sollte zugunsten eines schlankeren Europas schnell wieder gestrichen werden. Schweinefleisch soll frisch sein, frei von unerwünschten Keimen und soll vor allem gut schmecken. Die Nationalität des Schweinemästers und des Schlachters trägt zu den gewünschten Eigenschaften des Produkts gar nichts bei. Der überwiegende Teil des angebotenen Schweinefleischs kommt ohnehin aus Deutschland. Auch die aus Dänemark, Polen oder den Niederlanden importierte Ware löst beim Käufer kein Misstrauen aus.

Was soll also der überflüssige Fahnendschungel in der Fleischtheke? Wenn die Angabe des EU-Mitgliedstaats nichts mit der Qualität zu tun hat, worum geht es dann? Es geht um die Lenkung von Käuferverhalten. Der Konsument soll bei seinem Patriotismus gepackt werden. Nur ging die nationale Herkunftskennzeichnung von Anfang an schief, wie die Geschichte des „Made in Germany“ zeigt. 1887 erließ das britische Parlament den „Merchandise Marks Act“. Die Briten wollten sich damals gegen das erstarkende Deutschland wehren. Das Parlament in London verlangte deshalb Herkunftsangaben für alle Importprodukte in der Hoffnung, der national gesinnte britische Käufer werde vor allem Waren aus dem konkurrierenden Deutschland tunlichst meiden. Schon vor mehr als 100 Jahren ging der Plan nicht auf. Durch die verlässliche Qualität aus Deutschland entwickelte sich die Aufschrift „Made in Germany“ nicht zum Handelshemmnis. Im Gegenteil, „Made in Germany“ wurde zum Exportschlager, was durchaus auch im Britischen Empire wahrgenommen wurde. Wenn die Qualität von Autos, Industrieanlagen oder Haushaltsgeräten stimmte, brachte das selbst den noch so strammen britischen Patrioten zumindest in Zielkonflikte. Auch in kriegerischen Zeiten wollten die Käufer nicht auf gute Erzeugnisse aus Deutschland verzichten, Patriotismus hin oder her.

Die Zeiten scheinen seit dem Beschluss des britischen Parlaments von 1887 stillzustehen, was die unglückliche Mischung aus Heimatgefühl und verstecktem Protektionismus auf den Etiketten der Waren angeht. Besonders auf dem europäischen Binnenmarkt wirkt der schon lange fehlgeschlagene Trick mit der nationalen Herkunftskennzeichnung lächerlich. Zollgrenzen fielen vor Jahren in der EU und die gemeinsame Währung sollte die Handelsschranken endgültig überwinden. Und jetzt werden ausgerechnet in der Fleischtheke wieder Grenzen zwischen den EU-Mitgliedstaaten gezogen. Da schlägt EU-Kommissionspräsident Juncker vor, mit einer gemeinsamen Armee die Soldaten europäischer zu machen. Gleichzeitig soll das Fleisch wieder zurück in das Zeitalter Nationalismus fallen? Noch nicht einmal die Frage eines sinnvollen Marketings führt bei den neuen Kennzeichnungsvorschriften für Schweinefleisch weiter.

Agrarprodukte lassen sich mit Regionen und nicht mit EU-Mitgliedstaaten bewerben. Davon wird für Gurken aus dem Spreewald, für Schafe aus der Lüneburger Heide oder für Wein aus der Pfalz heute schon reichlich Gebrauch gemacht, auch ohne EU-Verordnung. Wer lange Transportwege für Lebensmittel meiden möchte, ist mit regionalen Herkünften auch besser bedient, schließlich können EU-Mitgliedstaaten ganz schön groß sein.
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