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Brigitte Stein zum Deutschen Bauerntag

Die deutschen Ackerbauern haben gut verdient. Die deutschen Tierhalter sind mit ihrer Initiative Tierwohl auf dem Weg, Kritik auszuräumen. Die deutsche Bauernschaft scheint vor Selbstbewusstsein zu strotzen. Jeder Betrieb ist nun aufgerufen, vor Ort mit mehr aktiver Öffentlichkeitsarbeit für den Berufsstand zu werben. Der mahnende Ausspruch des DBV-Präsidenten Joachim Rukwied: „Nach der Reform ist vor der Reform“ ändert nichts an der ruhigen Zufriedenheit, die in Bad Dürkheim zu spüren war.

Der Ort im Obst-, Gemüse- und Weinbaugebiet Pfalz bot eine anschauliche Kulisse für das einzige verbliebene Klagethema des DBV: den Mindestlohn. Wenn der Mindestlohn für Erntehelfer kommt, sei das Standortpolitik gegen den arbeitsintensiven Anbau von Sonderkulturen in Deutschland, wettert Norbert Schindler, Vertreter der Landwirtschaft vor Ort. Erdbeeren und Spargel aus Deutschland werden dann den Verbraucher so teuer zu stehen kommen, dass er lieber zu Importen greifen wird.

„Dann legen wir die Bäume um“, malt er eine drastische Drohkulisse inmitten von Obstplantagen und Weinbergen. Erzeuger in Frankreich oder, schlimmer noch, in Rumänien und Bulgarien könnten dann das Geschäft mit den Sonderkulturen machen. Die dortigen niedrigen Lohnkosten wiegen die Logistikkosten auf, wenn Einzelhandel und Verbraucher weiterhin kostenorientiert einkaufen. Die Landwirtschaft und Kulturlandschaft in der Pfalz werde sich drastisch ändern, kündigt Schindler an. Sicher kein schöner Gedanke – gerade im beschaulichen Bad Dürkheim.

Dass Veränderungen in der Kulturlandschaft allerdings zur freien unternehmerischen Entscheidung gehören, darauf hat kurz zuvor der DBV-Präsident gepocht. Er will nicht hinnehmen, dass die Politik den Grünlandumbruch unterbinden will. Veränderungen der Kulturlandschaft habe es immer gegeben. Schließlich müssten den landwirtschaftlichen Betrieben alle Möglichkeiten offenstehen, sich weiterzuentwickeln, damit Landwirtschaft auch für den Nachwuchs attraktiv bleibt. Denn der Berufsstand stehe am Arbeitsmarkt in starkem Wettbewerb zu anderen Berufsgruppen. Kein Gedanke, ob es an der geringen Entlohnung für Auszubildende liegen könnte, die ja offenbar noch unter dem avisierten Mindestlohn rangiert.

Ganz warmherzig schenkt Malu Dreyer, die Landesmutter von Rheinland-Pfalz, in ihrem Grußwort den Bauernvertretern zum Thema Mindestlohn reinen Wein ein. Allzu viele Ausnahmen könne es nicht geben: „Menschen, die harte Arbeit leisten, müssen auch entsprechend entlohnt werden.“ Dafür habe Rheinland-Pfalz und habe gerade sie persönlich als Arbeits- und Sozialministerin schon lange gekämpft. Sie bleibt dabei werbend im Tonfall und bittet herzlich um Verständnis.

Die Versammlung der Delegierten murrt zwar deutlich. Von großen Proteststürmen ist die eigentlich recht zufriedene Zuhörerschaft aber weit entfernt. Bereits in der Pressekonferenz blieben die Funktionäre die Antwort schuldig, wie stark sich der Mindestlohn auf die Einzelprodukte auswirken wird. Zu unklar ist, wie viel dem Verbraucher frisches Obst und Gemüse - oder Wein - aus Deutschland wert sind.

Vermutlich wissen Rukwied und Kollegen bereits, dass auch sie ihren Mitgliedern eigentlich reinen Wein einschenken müssen: Nur eine gute Bezahlung sorgt dafür, dass der Landwirtschaft auch in Zukunft genügend motivierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Denn der Wettbewerb findet nicht nur auf den Absatzmärkten, sondern auch am Arbeitsmarkt statt.
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