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Peter Seeger zur Ferkelkastration

Der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) fordert, dass ab 1. Januar 2017 kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Ebern mehr in seinen Theken liegt. Bis dahin gehen zwar noch ein paar Monate ins Land, aber für Schweinemäster drängt die Zeit. Berücksichtigt man den üblichen Mastzyklus, muss schon in zwei Wochen Schluss sein mit der betäubungslosen Ferkelkastration. Umso überraschender ist es, wie wenig sich die nachgelagerten Stufen in der Wertschöpfungskette um dieses Thema kümmern.

Für alle, die fachlich nicht so tief in der Schweinehaltung drin sind: Rund 16 Wochen dauert die Schweinemast, 7 Wochen rechnen wir für die Ferkelaufzucht, und die Ferkel haben 4 Wochen Säugezeit nach der Geburt. Somit wird ein Mastschwein circa ein halbes Jahr alt. Ich als Sauenhalter muss deshalb in zwei Wochen entscheiden, wie ich mit der Ankündigung des Lebensmitteleinzelhandels (LEH) umgehe, ab 1. Januar 2017 kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Ebern mehr zu listen.

Nur, wie funktioniert die Lieferkette in der Schweinehaltung? Ich habe ja als Sauenhalter keinerlei vertragliche Verknüpfung mit dem Supermarkt. Wenn ich mit Mästern spreche oder den Viehhändlern, bekomme ich nur ein Schulterzucken als Antwort. Dazu hat sich noch keiner Gedanken gemacht. Selbst die Schlachter, die direkt an den LEH liefern, haben noch keine neuen Lieferbedingungen mitgeteilt bekommen.
 
Es gibt grundlegend drei Alternativen: Betäubung bei der Kastration, Ebermast mit einer Impfung gegen den Ebergeruch und die klassische Ebermast. Jede dieser Maßnahmen hat Vor- und Nachteile. Aber alle haben eines gemeinsam: Es wird in der ersten Lebenswoche entschieden, welchen Weg das Ferkel einschlägt. Wird es überhaupt kastriert, und wenn ja, dann mit oder ohne Betäubung? Entscheidet man sich gegen die Kastration, bleibt immer noch abzuwägen, ob man das Tier impft oder einfach so als Eber schlachtet.

Zu befürchten ist aus Sicht der Sauenhalter, dass wir gespaltene Ferkelmärkte hierzulande bekommen: Will der Mäster nun Eber oder kastrierte Ferkel? Es droht nicht nur, dass die Vermarktung der Ferkel schwieriger wird. Es können sich auch getrennte Märkte entwickeln mit unterschiedlichen Preisen, was die Transparenz der Ferkelnotierungen deutlich verschlechtert.

Oder machen wir uns unnötig verrückt und denken wieder in preußischem vorauseilenden Gehorsam? 50 Prozent der Schweine sind ohnehin weiblich, und ein paar Eber werden schon gemästet. Reichen diese Mengen womöglichvöllig aus, um das Eigenmarken-Segment des LEH zu bedienen? Für den Rest bleibt es dann möglicherweise bis zum gesetzlichen Verbot 2019 beim Alten. Dies ist der Weg, der sich momentan meines Erachtens abzeichnet. Die PR-Abteilungen des LEH haben ihren Job erledigt und sind sowieso schon lange bei dem nächsten Thema angelangt. Nur die Landwirtschaft muss sich mit Widrigkeiten der praktischen Umsetzung dessen herumschlagen, was andere groß medial fordern, ohne es bezahlen zu wollen

Die Verknappung der Schlachtschweine in den vergangenen Wochen hat zumindest den Vorteil, dass bei den Verhandlungen in den kommenden Wochen die Landwirtschaft eine etwas bessere Position hat. Bleibt die Marktlage so, werden Schlachter also kaum für betäubungslos kastrierte Tiere Abschläge durchsetzen können.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Dies alles soll keineswegs bedeuten, dass wir Schweinehalter grundlegend gegen die betäubungslose Kastration sind. Doch von unseren Marktpartnern würden wir uns weniger Planlosigkeit in der Umsetzung dieser Forderung wünschen. Die höheren Kosten müssen jedoch den Abnehmern getragen werden.
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