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Stefanie Pionke zu Erntedank-Ansprachen

Gott sei Dank gibt es Erntedank. Das scheinen sich so manch ein Politiker und Verbandsfunktionär zu denken, bevor er oder sie möglichst inhaltsarme Sonntagsreden schwingt. Am kommenden Sonntag ist es wieder so weit. Vorab haben schon Bundesagrarministerin bald a.D. Ilse Aigner und der neue Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, ihre Redepapiere vorgelegt.

„Unsere Hauptaufgabe ist und bleibt die Ernährung der Menschen", sagt Joachim Rukwied laut Redetext. Dagegen kann zunächst einmal niemand etwas einzuwenden haben. Eine in gewissen gesellschaftlichen Kreisen kritisch gesehene Nebenaufgabe der Landwirtschaft, die der Substratbeschaffung für Biogasanlagen und die Biospritproduktion, fällt galant unter den Tisch.

„Mit diesem Fest bringen wir Dankbarkeit und Wertschöpfung zum Ausdruck", heißt es einleitend bei Ilse Aigner. Auch das ein unstrittiger Punkt. Als Aigner im weiteren Redeverlauf ihre Dankbarkeit konkretisiert, liest sie sich wie eine Wahlkampfrede im - spärlichen - Deckmäntelchen. „Unsere Wertschätzung gilt der Schöpfung und den natürlichen Ressourcen", heißt es in der Überleitung zum Thema Nachhaltigkeit. Aigner spannt den Bogen über die Bodenpflege zum „Flächenfraß", um einmal im sprachlichen Revier des Bauernverbandes zu wildern. Die deutsche Landwirtschaft verliere täglich wertvolle Nutzflächen, Boden - Hört, Hört! - sei „nicht beliebig vermehrbar".

Aigner hebt hier indirekt zum einen ihre Verhandlungsposition zum verhassten Greening, zum anderen aber ihre Flächenschutzinitiative hervor. Wer - und diese Frage richtet sich sowohl an den Deutschen Bauernverband als auch an das Landwirtschaftsministerium - schützt die wertvollen landwirtschaftlichen Nutzflächen vor Landwirten, die ihre persönliche Wertschöpfung erhöhen wollen, indem sie jene Flächen als teures Bauland verkaufen?

Bauernpräsident Rukwied bemüht in seiner Ansprache noch die viel zitierte FAO-Schätzung der 9 Milliarden „Erdenbürger" bis 2050, die ernährt werden wollen. Überraschung der Zuhörerschaft, mag manch ein Rhetorik-Coach denken, geht anders. Er landet beim steigenden Fleischkonsum, um dann den Bogen zu der "konsequenten Modernisierung der einheimischen Landwirtschaft der von Krisen und Armut gebeutelten Länder" zu spannen, denen es zu helfen gelte. Fleischkonsum und der Verzehr veredelter Lebensmittel dürfte deren geringstes Problem sein. Das ist eher ein Problem der - nicht mehr so armen - Schwellenländer wie Russland, Indien oder China.

Aigner wendet sich schließlich der „Wertschätzung gegenüber den landwirtschaftlichen Nutztieren" zu. Wir seien in der Verantwortung für tiergerechte Haltungsverfahren, so die Ministerin. Erinnerungen an den Charta-Prozess aus dem Hause Aigner nebst Tierwohl-Label werden wach.

Aigner verkneift sich nicht, darauf aufmerksam zu machen, dass "Standards der Ställe und Produktionsprozesse" im Sinne des Tierwohls "ihren Preis" hätten. Mit dieser Plattitüde sollte sie sich mal in die Preisverhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel begeben.
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