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Horst Hermannsen zu Aigners Wechsel nach Bayern

In einer Welt, die sich in immer rascherem Tempo zu verändern sucht, hat Vertrautheit etwas sehr tröstliches. Und so durchfuhr die Christlich Sozialen ein wohliges Gefühl, als sie das amtliche Endergebnis der Landtagswahl in Bayern zur Kenntnis nahmen. Die CSU triumphiert, die FDP hat sich selbst eliminiert, die Freien Wähler bestehen nur aus einer Person, und die SPD ist Mitleid erregend und führungslos. In diesen Tagen schiebt der alte, neue Ministerpräsident Horst Seehofer eifrig das Personalkarussell an – in dem auch Ilse Aigner sitzt.

Die Welt ist wieder in Ordnung. Die staatstragende Partei kann endlich, wie in früheren Jahren und Jahrzehnten, den Eindruck vermitteln, Bayern sei der CSU gewissermaßen vom lieben Gott persönlich als Territorium geschenkt worden. Ein verwobenes Verhältnis von den Kommunen über Verbände und Unternehmen bis in die Staatsregierung hinein darf wieder ungehindert zur Entfaltung kommen. Netzwerke und Seilschaften zur Beförderung sowie Absicherung der eigenen Karriere können unkontrolliert und sogar offener wirken.

Horst Seehofer, alter und ab dem 8. Oktober wieder neuer Ministerpräsident des Freistaates Bayern, hat den Zenit seines politischen Lebens erreicht. Nun stellt sich die spannende Frage: Was macht Seehofer mit seiner neuen, uneingeschränkten Macht? Die Antwort ist einfach: Er klammert sich daran. Seehofer, der Vollsortimenter politischer Meinungen, widmet sich zunächst bis zum 10. Oktober einer Lieblingsbeschäftigung, nämlich das Personalkarussell seines künftigen Kabinetts anzuschieben. Dabei spielt die smarte Ilse Aigner, noch amtierende Bundeslandwirtschaftsministerin, voraussichtlich eine kleinere Rolle als sie ursprünglich dachte.

Sie weiß genau: Der für die Machtarchitektur der CSU interessante Posten ist der Faktionsvorsitz in der CSU. Als aussichtsreichste Kandidatin für dieses Amt sah sich bis Anfang dieser Woche Aigner selbst. In ihrem Heimatbezirk, der Oberbayern-CSU, sah man das ganz genauso. Inzwischen freilich sind die Oberbayern etwas orientierungslos geworden.

Seehofer wäre nicht Seehofer, wenn er sich nicht potentielle Nachfolger für das Amt des Ministerpräsidenten erst einmal auf Distanz halten würde. Da bietet sich für Ilse Aigner doch eine Supereinrichtung wie das künftige Wirtschaftsministerium an. Überhaupt müssen ja in Bayern nach diesem fulminanten Wahlerfolg viele erfolgreiche Mandatsträger irgendwie im Kabinett versorgt werden. Dafür eignet sich zum Beispiel ein überflüssiges Heimatministerium im fernen Oberfranken. Sind nicht sämtliche Ministerien in München für die Heimat Bayern zuständig?

Einer freut sich ganz ungemein über die Rückstufung Aigners: der im Kabinett höchst unbeliebte Finanzminister Markus Söder. Er wäre gerne selbst Fraktionsvorsitzender seiner Partei. Dieses Amt gilt gewissermaßen als beste Voraussetzung, um dereinst Horst Seehofer zu beerben. Aber Seehofer mag Söder nicht. Er mag darüber hinaus auch keine charakterlich gefestigten und selbstbewussten Akteure in seiner unmittelbaren Umgebung. Wie zu Zeiten des legendären politischen Monolithen Franz-Josef Strauß, sind künftig die Ja-Sager und Abnicker gefragt.

Und doch, liebe Frau Aigner, sind Sie endlich wieder dort wo sie seit Jahren sein wollten: in Ihrem geliebten Oberbayern. In den Tiroler und Bayerischen Bergen zu wandern und die Alleinregierung Ihrer Partei als Kabinettsmitglied lächelnd zu begleiten, ist doch wirklich schöner als im viel zu großen, öden Berlin ständig bloß etwas ankündigen zu müssen – oder? Es kann tröstlich sein, keine Spuren zu hinterlassen.
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