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Sabine Hedewig-Mohr zur Wertschätzung von Lebensmitteln

Fachleute beklagen, dass hochwertige Lebensmittel hierzulande zu niedrigen Preisen verschleudert werden. Die geringe Wertschöpfung provoziert manchen Lebensmittelskandal. Aufschlußreich sind Streifzüge durch die Supermärkte in anderen Teilen der Erde. Wie wird dort die Ware angeboten? Wie sorgfältig wird mit ihr umgegangen? Welcher Preis muss gezahlt werden? Das sagt viel über die Wertschätzung, die Lebensmittel in einer Gesellschaft erfahren. Ein Reisebericht.

In Japan haben Nahrungsmittel einen hohen Stellenwert. Der Shintoismus, die alte japanische Naturreligion, hat Reinheit zu einem wesentlichen Prinzip erhoben. So sind Lebensmittel von ausgesuchter Qualität, werden sauber und hochwertig dargeboten und sind hochpreisig. Die Lebensmittelabteilungen in Warenhäusern und Supermärkten sind in Tokio, Osaka und Kyoto dennoch gut besucht. Selbst am frühen Nachmittag wird es dort durchaus eng, was man in deutschen Warenhäusern nur selten findet.

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Weltbekannt ist das Kobe-Rind, das dreimal länger bis zur Schlachtung lebt als ein Rind hierzulande, und das von seinen Züchtern liebevoll mit Sake massiert wird. Letzteres gehört natürlich ins Reich der Fantasie, aber die fein marmorierte Struktur seines Fleisches und die gute Zusammensetzung der Fettsäuren sind genauso Realität wie der sagenhafte Preis von 800 €/kg. Aber auch das Standard-Rindfleisch in der Lebensmittelabteilung eines großen Warenhauses in Tokio kostet 100 €/kg und die großzügige Auslage lässt nicht darauf schließen, dass der hohe Preis die Verbraucher abschreckt.

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Beeindruckende Preise werden auch für Obst aufgerufen. Erntehelfer in Australien und Neuseeland wissen, die allerbesten, größten und saftigsten Früchte müssen sorgfältig geerntet und dann verpackt wie zerbrechliches Porzellan nach Japan verschickt werden. Dort wird die Ware dann tatsächlich wie beim Juwelier dargeboten, mit gepolsterten Packungen und Schleifchen. Eine einzelne Melone wechselt für 80 € und mehr den Besitzer. Sie soll die einzige Frucht einer Pflanze sein, denn die Züchter selektieren sie, um die Kraft, die Süße und das Aroma des ganzen Strauchs in der Frucht zu sammeln. Ähnlich wie hierzulande Schmuckstücke werden die Früchte gerne verschenkt.

Ebenso teuer und edel angeboten werden auch Weintrauben – groß wie kleine Mirabellen – und Pfirsiche - groß wie Pampelmusen. Auf die Feststellung „die sehen ja aus wie gemalt“, zeigt die freundliche Japanerin lachend eine Plastik-Attrappe. Klar, da wo die Kunden gucken und vielleicht sogar die Ware berühren, liegen Kopien. Die teuren Orginale werden gut gepolstert im Kühlschrank aufbewahrt.

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Soviel Liebe und Fürsorge wird auch den japanischen Süßwaren entgegen gebracht. Konditoreien sind berühmt für ihre Spezialitäten mit phantasievollen Namen wie ‚Aufblühende Chrysantheme’. Auch hier spricht das breite Angebot und die Vielfalt in den Läden nicht für Ware, die nur im Regal steht. Die Menschen kaufen, sie drängeln, sie probieren und lassen sich alles schön verpacken.

Über einen bekannten Namen bin ich dann in einem Warenhaus in Osaka gestolpert: ein Konditoren-Shop mit Namen „Mönchengladbach“ mit Kuchen und Patisserie nach deutschen Rezepten. Hier wie in der gesamten Konditorei-Etage mit Pralinen aus Maronen oder weichen Schaumküssen mit Erdbeergeschmack oder mit edlen Patisserie-Angeboten ist nicht nur die Ware ausgesucht präsentiert, sondern auch das Personal ausgesprochen höflich und zuvorkommend.

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Ähnliches gilt auch für Marktstände, Convenience-Stores und Supermärkte. In Japan ist der Kunde wirklich König - schließlich legt er für Lebensmittel auch fürstliche Summen auf die Theke - und die Qualität der Nahrung ist außerordentlich hoch. Eines allerdings habe ich im Land des Lächelns nicht gesehen: Lebensmittel-Discounter.
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