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Stefanie Pionke zu Vorschlägen wider den Label-Dschungel

Ach, was werden Beratungsunternehmen und sonstige Experten fluchen, die ihre Daseinsberechtigung aus dem Labelling, also dem Entwerfen jener Siegel ziehen, die inzwischen zu Hunderten auf den Lebensmittelverpackungen kleben. Label, hat jetzt eine Wissenschaftlerin vor der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ im Deutschen Bundestag festgestellt, sind für sich genommen keine Heilsbringer. Erstens gibt es zu viele von ihnen, zweitens fehlen klare Kriterien. Drittens steht sich der Verbraucher auf dem Weg zu dem gesellschaftlich derzeit extrem erwünschten nachhaltigeren Lebensstil selbst im Wege. 

Er zeigt schlichtweg „Verhaltensstarre“. Gewohnheiten, so das Fazit von Professorin Lucia Reisch von der Friedrichshafener Zeppelin-Universität, seien nun einmal hartnäckig. Nachhaltigkeit mache keinen Spaß. Wohl wahr. Wer es, sagen wir, gewohnt ist, dreimal im Jahr in den Urlaub zu fliegen, ist möglicherweise nicht geneigt, mit dieser Gewohnheit zu brechen, um seine persönliche CO2-Bilanz aufzuhübschen. 

Auch ist denjenigen Verbrauchern, die zwar in Umfragen stets den Wunsch nach Gentechnikfreiheit von Lebensmitteln und Fleisch aus besonders artgerechter Tierhaltung beteuern, der eigene Geldbeutel im Zweifelsfall doch wichtiger als das nachhaltige Produkt. Na klar, eine 500-g-Packung Putenfleisch für 2,50 € macht eben mehr Spaß als eine für 5 € oder 7,50 €. Zwischen Zahlungsbereitschaft und wünschbaren Zielen bestehe eine Diskrepanz, so die weitere Beobachtung der findigen Professorin. 

Um den Verbraucher nachhaltig auf Spur zu bringen, seine Gewohnheiten zu ändern, empfiehlt Reisch eine Radikalkur: Verhaltensweisen, die nicht nachhaltig seien, sollen „unattraktiv“ gemacht werden. So dürften in Dänemark mancherorts nur noch Elektroautos im öffentlichen Raum parken. Süßigkeiten solle man in Geschäften nur noch bar, nicht aber mit der Karte bezahlen können. 

Diesen Faden könnte man endlos weiterspinnen: Übermäßiger Fleischkonsum, der ja a) die CO2-Bilanz belastet, b) der in der gesellschaftlichen Betrachtung unattraktiven Intensivtierhaltung Vorschub leistet und c) die Getreidepreise in die Höhe treibt, sollte als unerwünscht gebrandmarkt werden. Bloß wie? Bekommen manische Fleischfresser künftig ein eigenes Label für ihr nicht-nachhaltiges Konsumverhalten? Wird eine Fleischsteuer eingeführt? Fährt an der Supermarktkasse eine Sperre hoch, wenn ein Verbraucher ein bestimmtes Fleischkontingent in einem bestimmten Zeitraum überschritten hat? Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, an Ideen würde es bestimmten Expertengruppen, wären sie dazu aufgefordert, sie zu finden, sicher nicht mangeln.

Label mögen zwar dem einen oder anderen unnötig erscheinen oder gar sinnlos – denn mal ehrlich: Welcher Verbraucher - abgesehen von den seltenen Exemplaren dieser Gattung, die sich in mehr oder minder exotischen Enquete-Kommissionen im Deutschen Bundestag herumtreiben - nimmt diese Siegel überhaupt im alltäglichen Supermarkteinkauf wahr? Doch gemessen an gesamtgesellschaftlichen Erziehungsprogrammen scheinen sie bestenfalls ein Papiertiger, schlimmstenfalls die bequeme Alternative fauler Politiker zu sein. Frei nach dem Motto, Label drauf, Problem vom Tisch.
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