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Brigitte Stein zur Kartoffelstatistik

Zahlen sind mächtig. Wer daran zweifelt, kann sich mal den Kartoffelmarkt anschauen. Jede Schätzung, jede Veröffentlichung zu Flächenveränderungen oder Ertragsentwicklungen gibt einen Impuls. Manchmal reicht der Preisimpuls deutlich weiter als erwartet, aber ohne neue Daten bewegt sich fast gar nichts. – Das funktioniert auch umgekehrt: Der Blick auf die Preisentwicklung spiegelt zweifelsfrei die Marktversorgung.

Denn der Kartoffelpreis spricht eine eindeutige Sprache. In diesem Jahr lautet die Botschaft: Das Angebot übersteigt den Bedarf. Aus dem extremen Preistief lässt sich aber keineswegs ableiten, dass Angebot und Bedarf tatsächlich weit auseinanderklaffen. Auch wenn vieles dafür spricht. Denn bereits die Kartoffelernte 2013 hat bis in den Sommer 2014 gereicht. Und jetzt sollen in Deutschland 20 Prozent mehr Kartoffeln geerntet worden sein als im vorigen Jahr, in Frankreich 21 Prozent und in Belgien 30 Prozent. Diese Zahlen, die einen enormen Kartoffelhaufen erwarten lassen, sind das Produkt aus geschätzter Anbaufläche mal geschätztem Durchschnittsertrag.

Um zu einem niedrigeren Saisonpreis als für die Ernte 2013 zu kommen, wäre ein solcher Kartoffelberg gar nicht nötig gewesen. Oft reicht eine vergleichsweise kleine zusätzliche Menge, um das Gefühl von Überfluss und anschließendem Preisdruck entstehen zu lassen. Kartoffelhandel und -erzeuger sind diesen Kummer gewohnt und erinnern sich fest an bessere Zeiten. Oder sie suchen nach positiven Signalen.

Dazu zählt – für Außenstehende vielleicht überraschend – der niedrige Preis: Leichten Herzens trennt man sich von der billigen Ware, um Biogasanlagen und Futtertröge damit zu füllen. Positiv für den Markt ist jetzt auch der gemütlich warme Herbst zu bewerten: Kartoffeln, die nicht in die professionell gekühlte Lagerhallen passen, konnten nicht schnell abgetrocknet und gekühlt werden. So schrumpft der Vorrat zügig zusammen. Positiv sind auch immer wieder Meldungen über den Export von Kartoffelprodukten.

Zu den ungünstigen Signalen gehört eindeutig, den sinkenden Verbrauch in Deutschland vorgerechnet zu bekommen. Besonders schlecht ist, dass der Trend sich durch alle europäische Länder zieht. Selbst die Kartoffel liebenden Niederländer schwächeln. Mit rund 90 kg je Kopf verbrauchen sie aber immer noch mehr als der moderne Durchschnittsdeutsche.

Tapfer und unermüdlich argumentiert der Präsident des Deutschen Kartoffelhandelsverbands (DKHV), Dieter Tepel, dagegen an: Niemand solle den statistisch bezifferten Verbrauch mit dem Verzehr am Küchentisch verwechseln. Die Verwertung sei effizienter geworden. Die deutschen Verbraucher müssten vor allem weniger Kartoffeln wegwerfen, weil die Knollen heutzutage professionell gelagert und in Kleinpackungen angeboten werden. Damit gehört das massenhafte Schrumpeln der Vorräte im heimischen Keller der Vergangenheit an. Daran ist viel Wahres.

Dennoch hat der DKHV eine Marketingkampagne gestartet, um die Kartoffel als leckere Speise ins rechte Licht zu rücken. Das soll weiteren Verbrauchsrückgängen vorbeugen. Die Aktion ist auf jeden Fall besser, als den gepflegten Markenartikeln der Teigwarenindustrie kampflos den Platz im Einkaufskorb zu überlassen.

Noch weit mehr Hoffnung wecken aber Forschungsergebnisse aus Kanada: Demnach hilft ein Extrakt aus Kartoffeln gegen Fettleibigkeit. Diese hat sich zu einer regelrechten Volkskrankheit entwickelt, an der in den Industrienationen immer mehr Kinder und Erwachsene leiden - bis hin zu Diabetes. Gerade ihnen könnte künftig die Kartoffel helfen, obwohl sie ihr Image als Dickmacher nur schwer los wird. Die gewichtsreduzierende Wirkung könnte von Polyphenolen in den Knollen herrühren, vermuten die Wissenschaftler der privaten McGill-Universität. Die wirksame Tagesdosis besteht aus einem Extrakt von 30 Knollen! Ein solches Wundermittel – jedem Übergewichtigen empfohlen – kann große Kartoffelmengen dahinschmelzen lassen. Eine herrliche Aufgabe für engagierte Rechenkünstler!
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