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Stefanie Pionke zur Debatte um NK 603

 Die GV-Mais-Studie aus Caen und die durch sie ausgelöste Debatte zeigen zunächst eines: Fallen die Worte „gentechnisch verändert" in einem Zusammenhang mit Nahrungsmittelrohstoffen, setzt bei so manchem Zeitgenossen der kritische Verstand aus. Was an dessen Stelle tritt, sind reflexhafte Reaktionen. Viele dieser Reaktionen lassen sich in der Regel schnell und klar dem Lager der Gentechnik-Befürworter auf der einen und dem der Gentechnik-Gegner auf der anderen Seite zuordnen. Doch im aktuellen Fall um den mutmaßlich riskanten „Gen-Mais" aus dem Hause Monsanto gibt es durchaus überraschende Wendungen.

Sehen wir uns zunächst das Lager der Gentechnik-Gegner an, meist bestehend aus NGO, Umweltschützern, Politikern im linken Parteienspektrum sowie ökologischen Anbauverbänden. Die Studie aus Frankreich bietet ihnen wieder einmal Anlass, Kritik an „Gen-Food" im Allgemeinen loszuwerden und ihr Repertoire an Forderungen abzuspulen, darunter ein strengeres, weniger industriefreundliches und wissenschaftlich unabhängigeres Zulassungsverfahren für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) in Europa oder gleich ein Verbot der für Mensch und Tier vermeintlich riskanten Technologie.

Zwischenzeitlich hat der Fütterungsversuch aus Caen allerdings viele Kritiker auf den Plan gerufen. Die Langzeitstudie an Ratten, die mit NK 603 und in Wasser verdünntem Herbizid Roundup gefüttert wurden, ist nach Meinung nicht weniger unabhängiger Wissenschaftler methodisch nicht ganz einwandfrei. Die Tumorenbildung bei den mit NK 603 und Roundup gefütterten Ratten werten sie als nicht besonders aussagekräftig als Beleg für ein durch den Verzehr von „Gen-Mais" erhöhtes Krebsrisiko. Die gewählte Rattenart sei generell anfällig für Tumore, heißt es. Auf Missfallen stößt in der akademischen Welt zudem das unübliche Gebaren der französischen Forscher, nur ausgewählte Daten ihrer Studie öffentlich zu machen.

Dass der Grünen Gentechnik aufgeschlossen gesonnene Forscher, Politiker und Lobbyisten diese Argumente wiederum nutzen, um ihren Standpunkt zu stützen, verwundert nicht.

Als ungewöhnlich gelten darf aber, dass die Kritiker der GVO-kritischen Studie in der medialen Reflexion der Debatte durchaus Gehör finden. So geißelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den Umgang des französischen Blattes „Le Nouvel Observateur" mit dem Stoff als unkritisch. „Ja gentechnisch veränderte Organismen sind Gift" hatten die französischen Journalisten, die die Studienergebnisse exklusiv vorab bekommen hatten, getitelt. Sie hatten sich zudem auf die Vorgaben des Forscherteams eingelassen, nicht die Meinung anderer Wissenschaftler einzuholen. Auch andere Zeitungen hierzulande nahmen den Versuchsaufbau aus Caen unter die Lupe und setzten zumindest einige Fragezeichen.

Während deutsche Hochschulen und Lebensmittelsicherheitsbehörden die Studie aus Frankreich aktuell noch sorgfältig auf deren Aussagekraft prüfen, lässt Russland die Muskeln im internationalen Agrarrohstoffhandel spielen und verfügt einen vorübergehenden Einfuhrstopp für den leidigen GV-Mais.

Eine sowohl für Russland selbst als auch für den globalen Agrarhandel ziemlich konsequenzenlose Haltung, da Russland als Maisimporteur allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt.
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