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Daphne Huber-Wagner zur Risikoausgleichsrücklage

Die ersten Mähdrescher drehen auf den Gerstenfeldern ihre Bahnen. Endlich kann jeder Landwirt direkt am Display ablesen, wie viel Ertrag er vom Acker holen kann. Es wird höchste Zeit, denn damit löst sich die Spannung darüber, ob es nun eine schlechte, eine mäßige oder vielleicht gar eine zufriedenstellende Ernte werden könnte.

Die ersten Ertragsergebnisse, die für Gerste bekannt werden, sind nicht einmal so schlecht wie zunächst erwartet. Doch hüten sich Bauernverbandsfunktionäre und Politiker davor, in ihren offiziellen Statements zum Ernteauftakt Optimismus zu versprühen. Das mag wohl an der deutschen Mentalität liegen. Meist werden bevorstehende Ereignisse - sei es im Sport oder vor politischen Gipfeltreffen - vorab mit einer gewissen Skepsis und Zurückhaltung kommentiert. Das Jammern und Klagen von Landesbauernverbänden über die schlechte Situation in der Landwirtschaft ist nicht ganz angemessen. Die Auswirkungen der Finanz- und Schuldenkrise tangiert die Agrarwirtschaft bisher kaum. Sicher hat die Auswinterung in diesem Winter in der Landwirtschaft großen Schaden angerichtet.

Insgesamt reagierten die Landwirte sehr besonnen und verbuchen die großen Auswinterungsschäden als eigenes Risiko. Schließlich müssen sie täglich mit den Unbillen der Witterung klarkommen, sowohl mit einer Trockenheit als auch mit einer arktischen Kälte in diesem Februar. Sie halten sich nicht damit auf, einen Schuldigen dafür zu finden, sondern sehen die Situation auch als eigenes Risiko, das selbstständige Wirtschaftsbetriebe nun einmal tragen. Dies sehen Funktionäre und Politiker anders. Schon bevor die Ernte überhaupt richtig losgeht, suchen sie nach Verantwortlichen und fordern finanzielle Unterstützung. Schnell sind die Züchter als Buhmänner ausgemacht, die doch bitteschön schnellstens winterharte und ertragsstarke, trockenresistente und lagerbeständige Sorten aus dem Labor zaubern sollen. Doch kann eine solche Überbewertung auch auf Kosten des Ertrages gehen!

Ohne Rücksicht auf die derzeitige Preisrallye an den Agrarmärkten wird der Ruf nach einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage laut. Verbandsfürsten sowie Bundesagrarministerin Ilse Aigner sehen darin ein profundes Mittel, Markt- und Einkommensschwankungen abzusichern. Dem Bauernverband schwebt vor, bezogen auf die landwirtschaftlichen Umsätze eine steuerfreie Schwankungsreserve von 20 bis 30 Prozent bilden zu dürfen. Eine solche Forderung irritiert, gerade wenn wie jetzt täglich die Erzeugerpreise für Getreide und Raps nach oben klettern. Für den Fall von extremen Marktverwerfungen ist ein automatisch greifendes Sicherheitsnetz von der Politik zu gewährleisten, heißt es bei den Befürwortern. Doch macht hier die Agrarpolitik die Rechnung ohne das Finanzministerium. Dem Finanzminister ist es ein Dorn im Auge, marktwirtschaftliche Gegebenheiten mit finanzieller Rückendeckung auszugleichen. Schon gar nicht, wenn mit der gewünschten Maßnahme Steuerausfälle von 20 bis 30 Mio. € verbunden sind.

Gerne bemüht das Finanzministerium auf die Frage nach den Chancen der Umsetzung einer Risikoausgleichsrücklage für Landwirte einen Verweis zur Reisebranche. Flugausfälle, Überschwemmungen und Waldbrände sind ebenso für die Reiseanbieter unvorsehbare Ereignisse, für die der Staat keinen Sonderstatus einräumt. Sicher wünschen sich Landwirte wie alle Urlauber ein Rundum-Sorglos-Paket. Doch gegenüber den Unsicherheiten, die die globalen Märkte mit sich bringen, muss jeder selbst Vorsorge treffen. Des Ackerbauers Freud über die hohen Getreidepreise sind des Tierhalters Leid. Doch kann sich das Blatt in Zeiten starker Preisschwankungen auch schnell wieder ändern.
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