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Stefanie Pionke zur Imageangst im Agrarhandel

Die Angst vor Verlust der öffentlichen Gunst geht um in den Chefetagen des internationalen Agrarhandels. Während in Europa Meldepflichten für außerbörslich gehandelte Finanz- und Rohstoffderivate in Arbeit sind und Positionsberichte an Warenterminmärkten diskutiert werden, sieht Cargill-Chef Greg Page sich und seines Gleichen schon auf einen Rang abgleichen mit einem Zeitgenossen, um dessen Ruf es kaum schlechter bestellt sein könnte: den Banker.

Von der schillernden Gestalt zum Halunken

Einst eine schillernde Gestalt, jonglierte der Banker beziehungsweise seine Subspezies des Investmentbankers behände mit Milliardenbeträgen. Die Dollars wanderten von Öl zu Aktien und Mais in Immobilienschrottpapiere oder nicht minder wertlose Staatsanleihen gewisser europäischer Nationen. Der Banker fuhr, solange es gut ging, Gewinn um Gewinn ein und trank Champagner wie manch einer Leitungswasser - bis Finanz- und Euroschuldenkrise um sich griffen. Die schillernden Wunderknaben aus der Bankenwelt waren schnell degradiert zu Halunken. Die Finanzwirtschaft dürfte dem horizontalen Gewerbe in der Wahrnehmung manch eines Otto-Normalverbrauchers wenig voraus haben.

In die gleiche Richtung sieht nun kein geringerer als Greg Page, Chef des weltweit größten Agrarhandelshauses Cargill, die Gunst seiner Zunft abdriften. Das geht aus seiner Rede auf einer internationalen Rohstoffkonferenz vor wenigen Tagen in der Schweiz hervor. Und nicht nur das: Verfestigt sich das Image des Agrarhändlers als profitgierigen Spekulanten, werden Gesetzgeber dies- und jenseits des Atlantiks immer bemühter sein, die Akteure in den großen Getreide- und Ölsaatenhandelsräumen dieser Welt in ihrer Beinfreiheit zu beschränken. Deshalb, so der Appell des Cargill-Vorstands, möge die Branche sich ihrer Verantwortung um Markt, Menschen und Preissignale bewusst sein und für mehr Transparenz einstehen.

Das klingt ebenso honorig wie unkonkret. Wie genau der internationale Agrarrohstoffhandel einen Beitrag zur weltweiten Markttransparenz leisten kann, dazu sagte Page nichts.

Wohl dosiertes Transparenzbestreben

Noch sind es die imagemäßig ohnehin schon lädierten Banker, die bei der Debatte um Agrarrohstoffspekulation im Mittelpunkt der Kritik stehen. Auf Getreidegroßhändler hat sich das öffentliche Missfallen zumindest hierzulande bislang nicht gerichtet.

Mit einer Beobachtung hat Cargill-Chef Page freilich recht: Der je nach Betrachtung gefühlte oder tatsächliche Regulierungsdrang zeigt sich in einer Transparenzdebatte, die in Europa rege geführt wird. Markteilnehmer aus dem deutschen Agrarhandel zeigen in deren Rahmen eine wohl dosierte Bereitschaft zur Durchsichtigkeit. Denn keiner tritt dafür ein, dass auch so genannte standardisierte außerbörslich gehandelte OTC ("over-the-counter")-Derivate über Clearingstellen abgewickelt werden. Den Namen des eigenen Hauses und seiner Kunden will auch kein Händler in einem Transaktionsregister lesen, das Geschäfte mit außerbörslich umgeschlagenen Derivaten dokumentiert.

Öffentlich nach Transparenz rief im März auf einem Pressegespräch in Frankfurt Baywa-Chef Klaus Josef Lutz. Transparenz ist für ihn ein rückwärtsgerichteter, anonymisierter Positonsbericht nach Marktteilnehmer-Kategorie an der Matif, nach dem Vorbild des „Commitment of Traders Report“ an der Chicago Board of Trade.

Ethisch-moralische Restgröße

Welche PR-Verrenkungen die Branche auch immer unternehmen wird, um dem Ruch des gewissenlosen Spekulanten gar nicht erst anzunehmen – wer mit Agrarrohstoffen an Börsen handelt und Wetten auf deren Kursentwicklung abschließt, der muss mit einer ethisch-moralischen Restgröße leben. Zu präsent ist die Debatte um so genannte Spekulation als Hungertreiber auf der Welt. Da hilft auch die zigste Studie nicht, die Finanzanleger als Preistreiber an den Agrarmärkten entlastet. Solange Preisschwankungen, seien sie auch noch so kurzfristig, die Krisen der ohnehin schon Ärmsten auf der Welt verschärfen, solange wird der börsliche Handel mit Agrarrohstoffen von Teilen der Gesellschaft in einem zweifelhaften Licht gesehen werden.
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