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Katja Bongardt zum Entscheid des Europäischen Gerichtshofes

Staatlich verordnete Vokabelhilfen braucht kein Mensch. Der Bezeichnungsschutz für Produkte, die vom Tier stammen, ist lächerlich. 

Milch darf jetzt nur noch ein "Erzeugnis der normalen Eutersekretion" sein. Soja-Milch und Tofu-Butter dürfen als Begriff nicht mehr verwendet werden. Das hat der Europäische Gerichtshof so entschieden. 

Muttermilch aus dem Euter

Unverzüglich schießen die Kommentare auf Twitter und Facebook ins Kraut. "Telefonseelsorger" macht sich Gedanken um die Muttermilch. Befürchtet wird, dass sich Frauen (zurecht) an dem Begriff Euter stören könnten. Vorausgesagt wird auch der Aufmarsch von Pflanzenschützern, die aus Bezeichnungsschutzgründen jetzt für die Abschaffung der Fleischpflanzerln kämpfen. Sind das Spinnereien? Nein, sind sie nicht. Sie zeigen, dass sich der Verbraucher in seinem Urteilsvermögen nicht ernst genommen fühlt. Denn argumentiert wird mit der Verwechslungsgefahr bei Produkten, die zwar Milch im Namen führen, aber nicht von Säugetieren stammen. 

Ausnahmen gibt es. Sie gelten bei Erzeugnissen, "deren Art aufgrund ihrer traditionellen Verwendung genau bekannt ist", so der Gerichtshof. Also Kokosmilch zum Beispiel. Oder Liebfrauenmilch, aber auch Fischmilch, Butterbirne und Käseklee sind mit dabei. Die Alpenmilch hingegen ist nicht aufgeführt. Da verstehe einer die Welt. Ich würde vermutlich eher die Butterbirne mit dem Käseklee verwechseln, da mir die traditionelle Verwendung beider nicht geläufig ist. Aber das ist möglicherweise nur mein Problem.

Verarmung der Sprache

Viel problematischer ist der Umgang mit der deutschen Sprache. Und das betrifft alle, die sie benutzen möchten. Das gesprochene und geschriebene Wort hat ein Recht auf Weiterentwicklung. Veränderung ist ein wesentliches Kennzeichen von Sprache. Und bei Traditionen gibt es immer auch ein erstes Mal. Die Weiterentwicklung des Wortes Milch mit einem Brauchtums-Argument zu verbieten, ist daher vollkommen falsch.

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