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Stefanie Awater-Esper zu Agrarminister Christian Schmidt

Am Donnerstag kommender Woche läuft die 100-Tage-Frist für die neu gewählte Bundesregierung ab. Das ist im politischen Berlin eine Art Schutzzone, die zur Einarbeitung gewährt wird. Für das Agrarministerium gilt das nicht, Minister Christian Schmidt zählt zum gleichen Zeitpunkt erst 37 Arbeitstage im Amt.

Der Neuling auf dem Gebiet der Agrar- und Ernährungswirtschaft tourt dennoch bereits fleißig durch die Podien, Foren und Zeitungen, um seine Botschaften an Landwirte, die Agrar- und Ernährungswirtschaft und den Verbraucher zu vermitteln.

Er will Lust aufs Land machen, beim Anbau von gentechnisch veränderten (GV-)Pflanzen befürwortet er die Ausstiegsklausel, in der Nutztierhaltung unterstützt er die Initiative Tierwohl, bei der EEG-Reform sollen die Biogasanlagen nicht so hart ran genommen werden und beim Netzausbau will er Entschädigungen für Landwirte berücksichtigen. So weit, so erwartbar.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Schmidt seine Ernennung zum Agrarminister einer Regionalquote zu verdanken hat. Einen evangelischen Franken, das brauchte die CSU fürs Bundeskabinett, um die Parteiseele zu besänftigen. Nun nimmt diese, seine fränkische Heimat, viel Raum in seinen Reden und Interviews ein. Der fränkische Wein, den er am liebsten trinkt, seine Herkunft aus einer Bäckerfamilie, die Angst vor den Stromtrassen in seinem Wahlkreis... Da können diejenigen, die an nationaler Agrarpolitik interessiert sind, schon mal ungeduldig werden.

Aber ganz langsam redet er sich doch in Form, der neue Minister. An diesem Donnerstag konnte er mal ganz routiniert auftreten. „Ernährungspolitik ist Sicherheitspolitik", gibt er als sein persönliches Motto bei einer Welternährungskonferenz aus. Da zeigt sich, wo der langjährige Staatssekretär im Verteidigungsministerium zu Hause ist, nämlich in der Sicherheitspolitik.

Auch seine kurze Zeit als Staatssekretär im Bundesentwicklungsministerium hat Spuren hinterlassen. Das Thema Welternährung lässt bei ihm eine Sicherheit in seinem Auftreten aufblitzen, die er vorher als neuer Agrarminister hatte vermissen lassen.

Für sein Ministerium hat er die Losung "Lebensministerium" ausgerufen. Er orientiert sich da wohl an den österreichischen Nachbarn, die ihr Landwirtschaftsministerium bereits seit einigen Jahren so nennen. Schmidts Amtsvorgänger Hans-Peter Friedrich hatte hingegen noch vom "Wirtschaftsministerium für den ländlichen Raum" gesprochen.

Für die kommenden Monate ist es wünschenswert, dass Schmidt auch eigene agrarpolitische Ideen entwickelt. Für solche Akzente ist er als Minister schließlich da. Daran misst sich die Bedeutung des Agrarministeriums innerhalb der Bundesregierung.

„Lieber Minister Schmidt", möchte man ihm für die nächste Etappe innerhalb seiner 100 Tage Schonzeit zurufen: „Ab jetzt bitte mehr agrarpolitische Akzente und weniger fränkische Folklore!"
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