Mareike Scheffer

Schweinerei

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Mareike Scheffer zur Causa Schulze-Föcking

Empörung gibt es derzeit von allen Seiten, seit bei der Sendung Stern-TV die heimlich gedrehten Aufnahmen aus dem Stall der der Familie von Christina Schulze-Föcking, neue Landwirtschaftsministerin in der Nordrhein-Westfalen, im Juli veröffentlicht wurden. Gerade in der vergangenen Woche erhitzte sich die Debatte neu, als Tierschützer der Albert-Schweitzer-Stiftung vor dem Düsseldorfer Landtag mit 50.000 gesammelten Online-Unterschriften für den Rücktritt der Ministerin protestierten. Branchenorganisationen reagieren reflexhaft, wenn sie von einer „Hexenjagd“ durch die Tierschützer sprechen. Bei der Versachlichung der Debatte hilft das kaum.

Schweinerei sagen Tierschützer und meinen die Zustände, die im Stall dokumentiert wurden. Schweinerei sagen Landwirte, die durch den widerrechtlichen Zutritt ihren Hausfrieden und letztlich auch ihren Ruf in Gefahr sehen.

Leidenschaft zur Tierhaltung dringend erforderlich

Just in der vergangenen Woche lief im WDR auch eine zum Thema passende Reportage: „Landwirte in der Klemme – Welche Zukunft hat die Landwirtschaft.“ Hier kam unter anderem ein konventioneller Schweinebauer aus dem Münsterland zu Wort, der sich – respektive seinen Berufstand – als Feindbild der Tierschützer sieht. Dessen Kinder Angst davor haben, dass nachts jemand auf den Hof schleicht und in die Ställe einbricht. Während er dies erzählte, lief er mit dem WDR-Fernsehteam durch seine Schweinebuchten. Verständlich, dass sich solche, die Transparenz nicht scheuende Tierhalter, durch Vorfälle wie die Causa Schulze-Föcking ins falsche Licht gerückt sehen.

Schweinefleisch soll nach hohen Qualitätsstandards produziert werden und dazu noch billig sein. Dass das nicht mit einer wie auf der Supermarkt-Verpackung suggerierten Bauernhofidylle zusammengeht, ist offensichtlich. Konventionelle Mastschweine stehen auf Spaltenböden. Doch auch wenn Ställe nach dem aktuellen Standard gebaut sind und die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden – ohne den erfahrenen Blick des Tierhalters und der notwendigen Leidenschaft zur Tierhaltung geht es nicht. Wie sind sonst solche Bilder zu erklären? Müssen Schweine entzündete oder versteifte Gelenke haben, sodass sie nicht mehr auftreten können? Müssen ihre Schwänze bis in den Leib herausgefressen sein? Müssen sie trotz offener Wunden knöcheltief in der Krankenbucht in ihren Exkrementen stehen? Wohl kaum. Solche Bilder sind einfach unerträglich, da gibt es keine Diskussion.

Und doch wird sie geführt. Es ist offensichtlich, dass Aufnahmen in Ställen von Personen aus Verbänden und dem Politikbetrieb nicht zufällig gemacht werden. Dass die ISN – der Interessengemeinschaft der Schweinhalter Deutschlands – in diesem Zusammenhang jedoch von einer „Hexenjagd“ spricht, hilft kaum bei der Versachlichung der Debatte – auch wenn die Verdienste der Organisation um die Branche grundsätzlich unumstritten sind. Je prominenter der Tierhalter sei, desto höher sei sein Marktwert und desto besser ließen sich die Bilder zu Geld machen, schreibt die ISN in einer Mitteilung und fordert die Politik auf, das „Tierrechtlergeflecht zu durchleuchten“ – was Spendenpraxis und die Mittelverwendung betrifft.
Dabei ist die Frage, die sich die Zuschauer stellen, doch eine ganze andere. Wenn es schon in den Ställen von Politikern so aussieht, wie sieht es dann in Ställen von Landwirten aus, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen?

Dass Tierschützer für ihre Aufnahmen Gesetze brechen, ist unbestritten. Doch der tatsächliche Image-Schaden entsteht nicht durch die, die die Zustände öffentlich machen. Er entsteht durch die, die für sie verantwortlich sind.
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