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Stefanie Pionke zur Interventions-Nostalgie

Die Idee des freien Marktes ist manch einem in der Agrarbranche offenbar noch fremd. Auf einer Podiumsdiskussion zu dem Thema „Der Getreidemarkt vor der Ernte 2012 – Bulle oder Bär?“ kürzlich auf Burg Warberg entfaltete sich ein nostalgisch anmutendes Schauspiel. Ein Einkäufer einer großen Hamburger Mühlengruppe beschrieb die Nöte seiner Zunft. Das Mehlgeschäft sei Tagesgeschäft. Man versuche, nur dann Ware zu kaufen, wenn die Mehlkunden auch wirklich auf der Matte stehen. Der Nachteil dieser Strategie: Will der Kunde zu Zeiten knappen Angebots und hoher Preise kaufen, die Mehlpackungen seinerseits aber unverändert günstig im Supermarkt verticken, beißt die Mühle als schwächerer Verhandlunsgpartner in den Sauren Apfel und hat die hohen Rohstoffkosten am Hals. Der bequeme Reflex ist, nach Vater Staat zu rufen. Oder nach einer „Mindestreserve“ für Getreide, auf deren Vorräte man notfalls zugreifen könne.

Der Gegenreflex aus dem marktliberaleren Lager ließ nicht lange auf sich warten. „Wir brauchen den Staat nicht“, riefen unisono der Geschäftsführer eines nicht ganz unbedeutenden niedersächsischen Landhandelsunternehmens und der Vorstand eines großen Handelshauses in Kiel. Ihre Vorschläge: Sich selbst ein gesundes Polster an Ware zulegen, auf das man schnell zurückgreifen kann, wenn sich Verarbeitungsmargen zu aktuellen Marktpreisen nicht auflösen lassen. Oder Vertragsanbau. Oder aber langfristige Verträge mit der Erzeugerstufe. Es gebe heute genügend Landwirte, die Vorkontrakte für 2013/14 schließen wollten. Allerdings fehlten die Mühlen für die Gegenseite solcher Verträge.

Da die Ära der Intervention hierzulande Geschichte ist, sollte besagter Einkäufer aus der Mühlenindustrie tatsächlich über derartige Vorschläge nachdenken. In einer Marktwirtschaft bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis und damit auch die Strategien privatwirtschaftlicher Unternehmen.

Doch die Müllerei ist ist in den vergangenen Jahren weniger durch kluge unternehmerische Strategien, denn durch Kartellverfahren in die Schlagzeilen geraten. Drohende Millionenstrafen wegen illegaler Preisabsprachen engen Handlungsspielräume ein. Unter den Umständen ist es vielleicht nachvollziehbar, dass langfristige Kontrakte Bindungsängste wecken.
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