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Stefanie Pionke zu Autostickern

Der Selbstdarstellung sind im Zeitalter der Digitalisierung keine Grenzen mehr gesetzt. Parallel zur Industrie 4.0 scheint es einen Profilierungswahn 4.0 zu geben. Manche Zeitgenossen twittern, dass sie gerade in die U-Bahn zur Arbeit steigen (wichtige Information!) oder machen ihr Mittagessen per Food-Selfie via Instagram publik – um nur harmlose Beispiele des digitalen Exhibitionismus aufzuführen.

Das Bedürfnis, sein Inneres nach außen zu kehren, ist älter als soziale Netzwerke oder das Internet. Eine anachronistische Form der Selbstdarstellung hat sich in das digitale Zeitalter gerettet: der Autoaufkleber. Die Plattform, die dieses Medium bietet, nutzt jetzt auch ein Ausstatter für Tierhalter. Doch dazu später.

Kommen wir auf Sinn und Unsinn der Selbstdarstellung zurück. Klar: Alle Menschen eint das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Aber dieses Bedürfnis findet in unterschiedlicher Ausprägung Ausdruck. Während der eine dazu das persönliche Gespräch mit vertrauten Menschen sucht, profiliert der andere sich selbst auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen – ohne Rücksicht darauf, ob wirklich jede Information auch teilenswert ist.

Der Autosticker, der typischer Weise auf der Heckscheibe oder sonst irgendwo am Hinterteil des gemeinen PKW angebracht wird, stellt eine vergleichsweise harmlose Variante der Selbstdarstellung dar. Wer auf einer mehr oder minder hippen, nordfriesischen Insel Urlaub zu machen pflegt, pappt sich gerne einmal deren Umriss aufs Auto. „Seht her, ich gehöre zu dem illustren Gesellschaftskreis, der sich Sylt-Urlaube mit Champus in der Sansibar leisten kann“, lautet die Botschaft. Der stilisierte Fisch wiederum teilt der Umgebung mit: „Hier fährt einer, der in der kapitalistischen Konsumgesellschaft noch ideelle Werte wie den christlichen Glauben kennt.“ Putzige Embleme mit Schriftzügen wie „Anna-Sophie an Bord“ oder „Alexander-Konstantin fährt mit“, transportieren den Stolz über den Nachwuchs in der – in den hier angeführten Beispielen womöglich bildungsbürgerlichen – Familie.

Auch das mittelständische Unternehmen MS Schippers, ein Dienstleister für die professionelle Tierhaltung, hat den schlichten Wert und die Beliebtheit des Autostickers erkannt – und dazu noch die Zeichen der Zeit. Die kontroverse Auseinandersetzung um die Tierhaltung nahm die Firma zum Anlass, den großzügigen Schriftzug „Proud to be a Farmer“ als Autoaufkleber zu drucken und an interessierte Landwirte zu verschenken. Damit soll ein Kontrapunkt in der bisweilen negativen Wahrnehmung der Zunft gesetzt werden.

Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben „im positiven Sinne überrollt“ worden von der großen Resonanz auf das Angebot. Mitte dieser Woche waren schon 1.300 Sticker bestellt – weit mehr als erwartet. Kein Wunder, scheint die Aktion gerade durch ihre Schlichtheit zu überzeugen.

Natürlich drängt sich die Frage auf, warum es denn „Proud to be a Farmer“ heißen muss, und nicht schlicht „Stolz, ein Landwirt zu sein“. Das war Ergebnis einer Umfrage unter Kunden, erklärt MS Schippers. Die sollten im Vorfeld über den Slogan abstimmen, zur Wahl standen auch „Wir sorgen für Ihr Essen“, „Leidenschaft für Landwirtschaft“ oder „Born to be a Farmer“.

Dass „Für Tierisch gute Tierzucht“ nicht das Rennen gemacht hat, gibt Rätsel auf. Wollten die befragten Landwirte sich etwa nicht als Tierhalter zu erkennen geben?

Aber wie schon gesagt: Der Selbstdarstellungsdrang ist halt unterschiedlich ausgeprägt.

Anders als bei weniger gelungenen Formen der Selbstdarstellung ist der Aktion "Proud to be a Farmer" Erfolg zu wünschen. Ein differenzierter Blick auf die Landwirtschaft wäre zurzeit tatsächlich angebracht.
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