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Stefanie Pionke über eine Allzweckwaffe

Die Deutschen essen, wann und wo es ihnen gefällt, und die Hersteller von Convenience-Produkten wie Tiefkühlbrötchen, Fertigsalaten oder auch die Schmuddelkinder aus den Reihen der Fast-Food-Anbieter (Dönerbuden, gute alte Hamburgerbratereien à la McDonald’s und dergleichen mehr…) jubilieren. Doch was hat es auf sich mit dem situativen Essen? Ist es kulturelle Verrohung, Ausdruck des Hedonismus oder schlicht aus der Not geboren? Vieles spricht für letzteres – und das Attribut „situativ“ findet nicht nur Einzug in die Essenswelt. Es dient sozusagen als Allzweckwaffen-Euphemismus zur Umschreibung von Handlungen, die aus der Not geboren sind. Büroangestellte kennen das, Lebensmittelexporteure auch, und Landwirte sowieso.

„Situatives Essen“ klingt nach Lebensgefühl, wohlüberlegtem Entschluss, nach ‚Savoir Vivre‘ – man isst, wann und wo es einem gefällt, ohne Tafelsilber, Tischgebet, befreit von Konventionen. Ein Hauch von Freiheit schwingt da mit.

Alle, die sich schon einmal zwischen zwei Meetings und zehn Deadlines belegte Brötchen mit triefendem Mayonnaisenbelag reingedrückt haben, wissen, dass das so nicht stimmt. Äußerliche Umstände – hier der Termindruck – zwingen zu einer Nahrungsaufnahme, die von jeglichem Genuss und Nährwert befreit ist. Auch Mütter oder Väter, die sich, die Kinder im Buggy vor sich herschiebend, ihr Frühstück auf dem Weg zu Kita und Büro einverleiben, können davon ein Lied singen. Ebenso Berufspendler, die ihr geschmiertes Brötchen im ICE verspeisen, um nicht noch früher aufstehen zu müssen. Aber situatives Essen klingt nun einmal besser als „gestresstes Zwischendurchreinstopfen von irgendetwas“.

Das Wörtchen „situativ“ verbrämt auch in anderen Lebensbereichen gerne einmal Notfallstrategien. Der Konflikt zwischen dem Westen und Russland zwingt – Stichwort: Import-Sanktionen – Lebensmittelexporteure dazu, ihre Vermarktungsstrategien „situativ“ anzupassen. „Situatives Management“ klingt da natürlich besser als „verzweifeltes Suchen nach alternativen, ähnlich bedeutsamen Drittlandsmärkten.“

Wer situativ arbeitet, nutzt gemeinhin die Freiheit, welche in einer zunehmend digitalisierten Welt die Entkoppelung von Raum und Zeit ermöglicht. Wie freigeistig man sich spät abends mit dem Laptop auf dem Sofa sitzend fühlt, wenn man über einem Konzept, Geschäftsbericht, Projekt, Artikel brütet, ist wohl bestenfalls individuell verschieden.

„Situativ Arbeiten“ – in dieser Disziplin sind alle Landwirte während der Ernte Meister. Wenn das Wetter es zulässt, wird gedroschen – wenn es sein muss, auch rund um die Uhr. Situativ angepasst, erfolgt dann auch der Einsatz an den Schüttgossen bei den Erfassern. Wahrscheinlich wird dabei auch situativ gegessen.
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