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Olaf Schultz zu Putins Lebensmittelvernichtung

Die Nachricht, die einem in der Vorwoche den Kamm am meisten anschwellen ließ, kam wohl aus Moskau: Kremlchef Wladimir Putin erteilte persönlich die Anweisung, Nahrungsmittel westlichen Ursprungs zu beseitigen. Betroffen sind Waren, die vom Zoll an der Landesgrenze „offiziell" entdeckt wurden.

Hintergrund: Russland hatte im Juni sein Importembargo gegenüber Agrarerzeugnissen und Lebensmitteln aus der EU im Zuge der Krise um die Ukraine ein weiteres Jahr bis 2016 verlängert. Die Verlängerung war eine Reaktion auf einen Beschluss der EU, die bestehenden Sanktionen gegenüber Russland zunächst bis Ende Januar 2016 aufrechtzuerhalten.

Putins Weisung löste bei den russischen Behörden einen makabren Aktionismus aus: Gesucht wird nach der besten Methode, Fleisch und Fisch, Obst und Gemüse, Milch und Käse aus dem Westen zu vernichten. Während Obst und Gemüse beispielsweise untergepflügt werden könnten, ließen sich Fleisch und Käse am besten verbrennen - wegen biologischer Risiken, lauten die Gedankenspiele einer zuständigen Behördensprecherin. Auch der Kauf riesiger Verbrennungsöfen zum Stückpreis von 90.000 € wird in Erwägung gezogen - der Zweck soll offensichtlich die „finanziellen Mittel" heiligen.

Um welche Mengen es sich tatsächlich handelt, soll indes unklar sein. Bekannt ist laut offizieller Lesart nur, dass die russischen Zollbehörden 26.000 t Sanktionsware innerhalb der vergangenen zwölf Monate an der Grenze abgefangen haben sollen. Aber eigentlich ist die Tonnage „nur" ein Nebenschauplatz. Schließlich geht es ums Prinzip; denn schon eine Tonne Käse, die medienwirksam mit Planierraupen plattgewalzt wird, ist ein Skandal.

Nach der Begeisterung für seinen patriotischen Kurs gegenüber „dem Westen" im Zuge der Ukraine-Krise wird Putin genau deshalb im eigenen Land scharf kritisiert. „Ich denke, das ist Blödsinn, völliger Blödsinn. Wie kann man es sich leisten, Lebensmittel zu vernichten? Die sollen an Menschen in Heimen verteilt werden. Lebensmittel zu verbrennen - das verhöhnt die, die sich kein Essen leisten können", wird in den Medien eine Moskauerin zitiert. Auch im Internet formiert sich ein für russische Verhältnisse bemerkenswerter Protest kontra Putin.

Seine Aktion ist angesichts des Hungers auf der Welt und der etwa 20 Millionen Menschen in seinem Land, die unterhalb der Armutsgrenze leben sollen, eben schon schlimm genug, um nicht zu sagen unfassbar. Die Botschaft in Richtung Westeuropa hingegen ist unmissverständlich und lautet: Der Handelskrieg mit euch ist noch längst nicht beendet, mit weiteren „Überraschungen" meinerseits müsst ihr jederzeit rechnen.

Der einstige Partner mit enormem Potenzial auch für viele Unternehmen der Agrar- und Ernährungsbranche hat sich damit noch weiter ins politische und wirtschaftliche Abseits manövriert. „Niemand soll glauben, dass es nach einem möglichen Auslaufen der Sanktionen ein Zurück zur Normalität geben wird", sagte Dr. Eckhard Cordes, amtierender Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, kürzlich gegenüber der agrarzeitung (az). Glauben heißt zwar „Nicht wissen". Tatsächlich schafft Putin aber nach und nach deutliche Fakten, die leider das Lager der Optimisten zusehends ins Abseits stellen.
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