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Horst Hermannsen zu Joachim Gauck und den Agrarspekulanten

Politiker haben viel zu tun, deshalb können sie nicht alles verstehen, worüber sie reden. Bundespräsident Joachim Gauck hat dies einmal mehr deutlich gemacht, als er in bewegten Worten und unbeleckt von jeglicher Sachkenntnis die „Spekulation mit Agrargütern“ geißelte. Als Bühne diente ihm dabei der 50. Geburtstag der Welthungerhilfe. Viel mehr als ungelenke Polemik und die hinlänglich und sattsam bekannte antikapitalistische Phrasendrescherei war leider von ihm zu diesem Thema nicht zu hören.

Ach, verehrter Herr Bundespräsident, das Welthungerproblem ist wirklich eine komplexere Angelegenheit. Hunger, Wirtschaft, Bildung, und schließlich auch Moral, lassen sich nicht losgelöst voneinander betrachten, nicht in der Theorie, und noch weniger in der Praxis. Sie sind die Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung, für Kaufkraft, ja, für Menschenwürde.

Aber Sie haben natürlich Recht, Herr Gauck, mit Floskeln zu parlieren macht gerade bei so einem emotionsbeladenen Sachverhalt beliebt. Wer sich am Gängelband des Zeitgeistes führen lässt, muss sich zudem keine eigenen, vorurteilsfreien Gedanken machen. Einige „zivilgesellschaftliche Organisationen“ wissen dies zu schätzen. Und Feindbilder zu kreieren, man weiß das aus der Geschichte, dient dem Wohlbefinden vieler. Aber halt: Jeder fünfte Anleger in Deutschland hat bereits Geld in Rohstoffen, auch in Agrarrohstoffen, angelegt (typisch Zocker). Sie gelten als sicherer Hafen, teilweise anstelle der bisher als sicher geltenden Staatsanleihen, deren Nimbus mit der Dauer der internationalen Schuldenkrise dahin schmilzt.

Die Industrialisierung in aufstrebenden Märkten, wie China, Indien, Russland und Brasilien führt zur Entwicklung von Infrastrukturen in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Der Drang nach höheren Standards in allen Lebensbereichen mit einem steigenden Konsum von tierischen Veredelungsprodukten ist unaufhaltsam und führt zu einem gewaltigen Bedarf an Rohstoffen. Dem gegenüber stehen begrenzte Ressourcen an fruchtbarem Boden, Wasser sowie eine zunehmende Knappheit an Bodenschätzen. Der ideale Nährboden für Spekulationen.

Wer die Spekulation einschränkt, schränkt freilich die wirtschaftliche Entwicklung ein, verhindert Sicherungsinstrumente. Seltsam genug, wenn ausgerechnet auch aus der Landwirtschaft Kritik an der Spekulation laut wird. Was, bitte schön, ist das Einlagern von Getreide oder Ölsaaten, also das Wegsperren vom Markt nach der Ernte, anderes als Spekulation? Entwaffnend war darauf die Antwort eines Landwirts aus dem gesegneten Niederbayern: "Ich spekuliere doch nicht, ich hoffe nur auf steigende Erzeugerpreise".

Gutmenschen haben es nicht leicht in dieser schlechtesten aller Welten, am wenigsten wenn sie in staatstragenden Rollen brillieren möchten. Da kommt es eben manchmal zu Aussagen, die zum Mäusemelken sind, wie der Großvater gerne zu sagen pflegte, der das ungeklärte Rätsel hinterließ, wer da warum - und vor allem, wie - Mäuse zu melken begehrte.
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