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Stefanie Pionke zu den Diskussionen um TTIP

Romantisch, traditionsbewusst – oder auch, weniger freundlich formuliert: altmodisch. So sieht der Klischee-Europäer wohl in der Vorstellung einiger Amerikaner aus. In seiner französischen Variante trägt er Baskenmütze, Schnurrbart sowie Ringelpulli und ein Baguette unter dem Arm, in seiner deutschen Ausprägung spricht er in militärischem Stakkato und ist so effizient wie freudlos. Allen Europäern ist dabei eines gemeinsam: Sie haben Vorlieben für unhygienische und gefährliche Lebensmittel: vom stinkenden Ziegenweichkäse bis hin zum BSE-Rind.

Ein Lehrstück in Sachen Klischees dies- und jenseits des Atlantiks sind die Kinofilme des US-amerikanischen Regie-Altmeisters Woody Allen. Dieser bediente sich zuletzt gerne einmal französischer oder spanischer Kulissen, um Vertreter beider Kulturkreise aufeinanderprallen zu lassen. Denn in Barcelona oder Paris konnten die Unterschiede zwischen jovialen und bisweilen tölpelhaft-lauten Amis und kreativ-chaotischen, in kulinarischer, modischer sowie amouröser Hinsicht experimentierfreudigen (Süd-)Europäern besonders gut herausgearbeitet werden.

Bevor der Ausflug in die Welt des Films beendet wird, bleibt eines festzuhalten: Woody Allen wahrt sowohl bei der Betrachtung seiner Landsleute als auch beim Portraitieren vermeintlich kultivierterer Europäer eine gewisse ironisch-wohlwollende Distanz. Wirklich eindeutige Sympathien in die eine oder andere Richtung lassen sich schwer ausmachen.

Anders sieht das bei den aktuellen Diskussionen um das Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA aus. Hier gibt es – vor allem bei den Protesten auf dieser Seite des Atlantiks – klare Demarkationslinien. Auf der einen Seite steht die europäische Pute, die von ihrem Schlüpfen bis zur Ankunft am Schlachtband von vielen Formularen begleitet wird und vielleicht sogar mehrfach staatlichen Kontrolleuren persönlich begegnet ist – dafür aber vor ihrem Ableben keine reinigenden Bäder nimmt. Auf der anderen Seite steht das feiste, US-amerikanische Hühnchen, das deutlich unbürokratischer aufwächst als seine europäischen Artgenossen, dafür aber am Ende seiner Laufbahn in ein desinfizierendes Chlorbad getaucht wird.

Darüber hinaus scheiden sich die Geister am Rohmilchkäse. In Europa umschreibt dieser als Begriff nicht nur die kulinarische Finesse – frei nach dem Motto: je stinkiger und bakteriendurchseuchter, desto besser - , sondern wird auch als schützenswertes, traditionelles Handwerk angesehen. Auch in den USA gibt es eine (kleine) Gruppe von Rohmilchkäseproduzenten und –connaiseuren, doch überwiegt hier die nackte Angst vor Keimen und Krankheiten, wenn nicht-pasteurisierter Ziegenkäse müffelnd auf dem Teller zerfließt.

Sicher steht bei TTIP mehr auf dem Spiel als Stänkereien um Lebensmittel und Verbraucherstandards, die auf beiden Seiten des großen Teichs gerne als nicht verhandelbar dargestellt werden. Doch kein Bereich eignet sich nun einmal besser dafür, Ressentiments zu schüren, Klischees aufleben zu lassen und an Emotionen zu appellieren. Wissenschaftliche Aussagen wie „In Chlorbädern desinfizierte Hühner sind für den Verbraucher nicht gefährlich“ oder „Rohmilchkäse, der unter hygienischen Bedingungen hergestellt wurde, ist für den Verzehr geeignet“, verfangen da nicht.

Jenseits aller vorgeschobenen Bedenken um die Lebensmittelsicherheit und die ach so hohen Standards des jeweils anderen, geht es in den Verhandlungen um TTIP freilich auch um handfeste wirtschaftliche Interessen (Worum auch sonst? Schließlich reden wir über ein Handelsabkommen!) und Besitzstandswahrung. So wollen die EU-Unterhändler den regionalen US-Förderprogrammen unter dem Titel „Buy local“ („Kauf regionale Produkte“) an den Kragen, während die Amerikaner erreichen wollen, dass der Schwarzwaldschinken – oh, Graus! - auch in Kentucky hergestellt werden darf.
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