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Horst Hermannsen zu Preisprotesten

„Aldi ist Vorreiter der großen Lebensmittelhändler. Neun Cent mehr je Liter: Aldi erhöht Milchpreis um 20 Prozent. Hintergrund dieser drastischen Preiserhöhung ist eine starke Nachfrage nach Milchprodukten im Ausland. Deshalb hatten die Molkereien bei den Verhandlungen mit Handelskonzernen über neue Lieferverträge für Milch gute Karten.“ Das sind doch wirklich mal gute Nachrichten! Aber halt, da fällt mir auf, dass ich in meinem sonst wohlgeordneten Archiv etwas durcheinander gebracht habe.

Diese Meldung ist nicht mehr ganz so aktuell; sie stammt vom Spätherbst 2012. Nach längerem Suchen finde ich nun die neue Nachricht von dieser Woche: „Aldi übernimmt wieder einmal die Vorreiterrolle im Lebensmittelhandel. Die derzeitig niedrigen Milchpreise machen es möglich: Auch die Preise für Molkereiprodukte sinken. Das teilen die Supermarktkette Aldi Süd und Norma mit."

Die Reaktionen der Milchbauern auf niedrige Auszahlungspreise der Molkereien verwundern nicht. Erbost sind die Bauern allemal. Das kann ihnen niemand verdenken. Ihre Enttäuschung gleicht dem Unmut der Molkereien. Auch sie sind im Hinblick auf die gegenwärtige Preis- und Absatzlage betrübt. Wohl mancher Geschäftsführer oder Molkereibesitzer würde auch gerne mit seinem Tanklaster demonstrieren. Aber gegen wen eigentlich? Gegen Aldi, Norma, Lidl und wie sie alle heißen? Das brächte zwar Schlagzeilen und spektakuläre Fernsehbilder, aber sonst auch nichts. Außerdem tun Kaufleute gut daran, ihre Abnehmer nicht zu beschimpfen. Dieses Privileg haben nur Landwirte. Jeder andere Wirtschaftszweig ist um nachhaltige Kundenpflege bemüht, sonst bleibt er auf seinen Erzeugnissen sitzen.

Außerdem haben Protestaktionen gegen Discounter die falsche Stoßrichtung. Schließlich fließen gerade mal 36 Prozent der in Deutschland erzeugten Milch in den Lebensmitteleinzelhandel. Viel entscheidender für die Preisbildung ist der Export. Hier muss die Hälfte der in Deutschland ermolkenen Milch untergebracht werden. Und die Aussichten auf dem internationalen Markt waren bis vor kurzem vielversprechend. Aber Verbandsprotagonisten wie die des Bundes Deutscher Milchviehhalter (BDM) benötigen stets Feindbilder, die konkret benannt und geortet werden können. Erst dann sollte man Mahnfeuer entzünden, Brandbriefe schreiben, Staffelfahrten organisieren und „faire Milchkühe“ aufstellen. So etwas Nebulöses wie „Exportabhängigkeit“ ist für derartige Aktionen zu wenig griffig. Die spektakulären Protestaktionen gleichen vor diesem Hintergrund Stellvertreterkämpfen.

Deutschland hat, im strammen Gleichschritt mit den anderen EU-Vasallen der USA, der Regierung in Moskau den Wirtschaftskrieg erklärt. Kann wirklich jemand überrascht sein, dass sich dieses Embargo rasch als Eigentor entlarvte? Russland verschmäht jedenfalls unsere Molkereiprodukte und China muss zunächst erst einmal seinen Konjunktureinbruch verkraften. Aber Rettung naht in Form genereller Problemlöser, und das nicht nur für den Milchmarkt.

Die geplanten Freihandelsabkommen TTIP mit den USA und CETA mit Kanada sollen ein goldenes Zeitalter einläuten. Natürlich gibt es schon wieder Kritiker. Ihnen wird von den Befürwortern vorgeworfen, sich zu wenig mit den Inhalten beschäftigt zu haben. Wie denn auch? Weder Parlamentariern und schon gar nicht der Bevölkerung wird Einblick in die Vertragsentwürfe gewährt. Nur eines ist unwidersprochen: Beide Abkommen sollen Investitionsschutzkapitel enthalten, die es Konzernen erlauben, Staaten auf Schadensersatz zu verklagen, wenn politische Entscheidungen den Wert von Investitionen oder Gewinnerwartungen schmälern. Dreister, ja vulgärer kann man nicht deutlich machen, wer hier wen am Nasenring führt. Richtig gefährlich könnte es für Molkereien und Milcherzeuger hierzulande  werden, wenn die EU und Neuseeland zusätzlich ein Freihandelsabkommen vereinbaren. In den Hinterzimmern leisten die Lobbyisten längst Vorarbeit.

Die Milchbauern können also weiter wüten über niedrige Preise. Die Situation an den Exportmärkten deutet darauf hin, dass sich so schnell nichts ändern wird.
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