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Stefanie Pionke zur globalen Weizenbilanz

„Knappe Ware geht nicht aus“. Oder: „Geld zieht Ware“. Solche Binsenweisheiten werden im Getreidehandel gerne einmal bemüht. Doch aktuell scheinen sie sich nur bedingt zu bewahrheiten, wenn man den Darstellungen hiesiger Marktteilnehmer glauben darf. Weizen ist – trotz der kleinen Preisdelle an der Pariser Börse an diesem Donnerstag – aktuell so teuer wie selten zuvor. Wer am deutschen Kassamarkt Ware ziehen will, muss 10 €/t oder mehr auf den Matif-Preis drauflegen. Und bekommt auch dann die Ware nur bedingt. Liegt kein Weizen mehr auf Deutschlands Höfen oder in den Lägern der Erfassungshändler? Werden größere Mengen für Pokerrunden um höhere Preise im späteren Saisonverlauf weggeschlossen?

Diese und ähnliche Fragen treiben Großhändler, Verarbeiter und Exporteure hierzulande um. Während sie sich die Augen reiben und fragen, wann es denn richtig eng wird mit dem Weizenangebot, entspinnt sich im internationalen Markt gerade eine ganz andere Diskussion: Wer wird die Lücke im globalen Handel schließen, wenn Russland und die Ukraine bald a) nichts mehr zum exportieren haben oder b) die Exporte durch "tarifäre" oder "nicht-tarifäre" Handelshemmnisse begrenzen? Ist es die EU, sind es die USA oder beide zusammen? Was ist mit Australien und – neuerdings wieder mit von der Partie im globalen Weizengeschäft – Indien? Wie viel Weizen hat China wirklich und wie viel muss es zukaufen?

Nun, noch bleibt es spannend. Denn noch haben weder die Ukraine noch Russland auf irgendeine offizielle Art und Weise in das Handelsgeschäft eingegriffen. Die Ukraine spielt, so sagt es zumindest manch einer hierzulande, mit seinen internationalen Kunden Katz und Maus. Mal soll der Weizenexport ab einer Ausfuhrmenge von 5,5 Mio. t ausgesetzt werden, mal ab dem 15. November, dann am 1. Dezember und dann wieder gar nicht – zumindest nicht auf „nicht-tarifäre“ Art und Weise. Zur Erinnerung: Ein nicht-tarifäres Handelshemmnis wäre ein Exportstopp. Die Erhebung von Zöllen behält sich die Ukraine offenbar vor, wenn Offizielle dort solche Formulierungen wählen. Russland hat zuletzt den Exportüberschuss an Getreide von ursprünglich 10 bis 12 Mio. t auf 15 Mio. t angehoben.

Ägypten ließ unlängst in Richtung Kiew die Muskeln spielen: Die staatliche Weizeneinkaufsbehörde GASC hat gedroht, die Ukraine für das komplette Jahr 2013 von seiner Lieferantenliste zu streichen, sollten Exportbeschränkungen erhoben werden. Noch ließ Kairo den Worten keine Taten folgen. Doch als weltweit größter Weizenimporteur dürfte das nordafrikanische Land sich der Macht seiner Worte bewusst sein. Fährt die Ukraine im Sommer 2013 eine große Ernte ein, könnten die Mengen im Falle einer Auslistung nicht in Richtung Ägypten abfließen.

Dass Handelspartner wechselseitige Verlässlichkeit fordern, ist nicht weiter ungewöhnlich. Gleichwohl dürfte die ägyptische Regierung die innenpolitische Klemme, in der Kiew steckt, nachvollziehen können: In beiden Ländern, in denen Nahrungsmittelkosten einen beträchtlichen Anteil an den Budgets vieler Bürger haben, sind steigende Brotpreise ein Politikum. Die deutlich gestiegenen Getreidepreise wurden zumindest als ein Auslöser der gewaltsamen Proteste im Rahmen des ägyptischen Frühlings 2011 ausgemacht. Dass Russland und die Ukraine einen Blick auf den sozialen Frieden im jeweiligen Inland richten, bevor sie ihre Getreideläger leer exportieren, ist vielleicht doch nicht so vollkommen absurd, wie es in manch einer Diskussion dargestellt wird.

Selbst in Deutschland findet sich der eine oder andere Getreideverarbeiter, der sich wünscht, die EU-Kommission würde bei der wöchentlichen Zuteilung der Exportlizenzen nicht so sehr auf die Tube drücken und etwas mehr Besonnenheit walten lassen. Dabei steht nicht unmittelbar zu befürchten, dass höhere Brötchenpreise hierzulande Ausschreitungen auslösen.

Die nächsten Monate werden zeigen, wer wie viel und wie lange exportieren wird – und ob die EU bis zum Anschluss an die neue Ernte mitliefern kann.

Übrigens hat Ägypten sich schon recht lange mit Bieterverfahren für Weizenexporteure zurückgehalten. Ein Hinweis darauf, dass man den Blick auch zwischendurch mal weg vom Angebot hin auf die Nachfrage lenken sollte?
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