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Stefanie Pionke zu Protesten gegen die Agrarindustrie

Suppen sind dieser Tage verbindende Elemente in den Protesten gegen jene Erscheinungsform, die ihre Gegner diesseits und jenseits des Atlantiks als Agroindustrie verteufeln. Bevor das Europaparlament in seiner historischen Abstimmung an diesem Mittwoch auf Kuschelkurs mit den Fachpolitikern im Agrarausschuss ging, marschierten kostümierte Aktivisten vor dem Europaparlament in Straßburg auf. Um die Europaparlamentarier positiv für ihre Zwecke einzunehmen servierten sie: Suppe. Auf die warme Flüssigspeise setzt auch ein obskures Aktivistenbündnis in den USA, wenn es am 8. April zu einem Protest vor das Büro der US-Gesundheitsbehörde FDA lädt. Eine „Stone Soup“, zu Deutsch etwa „Steinsuppe“, wollen die Aktivisten während eines „Eat Ins“ zubereiten.

„Eat In“ – das weckt Assoziationen zu Protestformen der 1970er-Jahre. So veranstalteten zottelbärtige, langhaarige Männer und Batik gewandete Frauen in den späten 1960ern ein Be-In in der kalifornischen Hippie-Metropole San Francisco, um gegen das gesetzliche Verbot der synthetischen Droge LSD zu protestieren. „Sit-Ins“ sind eine weitere Form des friedlichen zivilen Widerstands, die ihre Wurzeln in den Protesten gegen die bis in die 1960er Jahre hinein bestehende Rassentrennung in den USA haben.

Das „Eat In“ will sich nun einreihen in diese Formen des gewaltfreien Widerstands.  Der Protest richtet sich gegen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel im Besonderen und die so genannte Agrarindustrie im Allgemeinen, emblematisch verkörpert durch den Konzern Monsanto. Die US-Aktivisten stellen ihr Anliegen zudem geschickt in die junge Tradition der „Occupy“-Bewegung, die als Protest gegen den Finanzkapitalismus vor zwei Jahren an der New Yorker Wall Street ihren Ausgang nahm und weltweit Nachahmer fand. Unter dem kuriosen Banner „Occupy Monsanto“ kommt nun ein loses Bündnis aus Öko-Verbänden und sonstigen Skeptikern zusammen, die Bewertungsstandards der US-Lebensmittelaufsicht Food-and-Drug-Administration für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) als rückständig ablehnen und eine Kennzeichnungspflicht für GVO-Bestandteile in Lebensmitteln fordern.

Kommen wir zurück zur Suppe. Die „Stone Soup“ beziehungsweise „Steinsuppe“ hat ihre Wurzeln im Reich der Sagen. Die Grundzüge der Geschichte sind schnell erzählt: Ein hungernder Fremder kommt in eine Siedlung und bittet die Bewohner um Nahrungsmittel. Die Ersuchten verhalten sich zunächst ablehnend. Der Fremde schnappt sich einen leeren Kochtopf, füllt diesen mit Steinen und Wasser aus einem Bach und erhitzt das Gebräu über dem Feuer. Nach und nach werden die Dorfbewohner neugierig, schauen, was der Fremde dort treibt, und teilen schließlich doch alles mit ihm, was der Gemüsegarten so zu bieten hat. Alle zusammen kochen eine leckere Suppe zum Wohle der Gemeinschaft.

Am 8. April in den USA sollen Ökolandwirte Zutaten für die „Steinsuppe“ bereitstellen. Die FDA-Beamten bekommen automatisch die Rolle der geizigen Dorfbewohner aus der Sage zugewiesen. Ob sie sich im Sinne des Gemeinwohls – hier repräsentiert durch die „Occupy Monsanto“-Demonstranten – bekehren lassen?

Die Suppe, welche die Europaparlamentarier im Straßburger Sitzungssaal zusammenbrauten, dürfte die Wandlung von der Stein- in die köstliche Gemüsesuppe wohl aus dem Blickwinkel der dortigen Demonstrantenschar nicht geschafft haben. Die Zutaten des Gebräus mit dem delikaten Namen „Gemeinsame Europäische Agrarpolitik“: 3 Prozent ökologische Vorrangflächen statt der ursprünglich geforderten 7, Zuckerquoten bis 2020 statt 2015, Milchquoten dafür bis 2015 und kein Jahr länger, 300.000 Euro Obergrenze für Subventionen an Großgrundbesitzer statt der restriktiveren 100.000 Euro, die auch einmal im Gespräch waren.

Die Hoffnungen an die Europaparlamentarier im Vorfeld der historischen Abstimmung in Straßburg waren zumindest in Kreisen der Nicht-Regierungsorganisationen, Klein- und Ökolandwirte andere. Wahlweise sollten die Parlamentarier Anwälte der Kleinbauern in Afrika, der „Ich kann erst ab 40 Cent je Liter kostendeckend produzieren“-Milchbauern oder schlicht der europäsischen Steuerzahler sein, wenn sie zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union gleichberechtigt zu Rat und Kommission über die Reform der Landwirtschaftspolitik entscheiden dürfen.

Dem Begriff Suppenkasper stand übrigens die Geschichte Suppen-Kaspar aus dem Struwelpeter Pate. Jener Suppen-Kaspar, ein einst dralles Kind, weigerte sich so lange, seine Suppe zu essen, bis er verhungerte. Wer in den aktuellen Protesten die Rolle des Suppenkaspers spielt - die Demonstranten oder die Gegenseite - das mag jeder für sich entscheiden.
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