--

Stefanie Pionke zum Unternehmertag Lebensmittel

Vorzeigbar war der Treff der Lebensmittelproduzenten und ihrer mächtigen Kunden aus dem Lebensmitteleinzelhandel (LEH) allemal. Der Gürzenich, ein Kongresszentrum in Köln, das mit seinen wuchtigen Deckenleuchtern sicherlich das Etikett „repräsentativ“ verdient, bot den Rahmen für die Konferenz, bei der jedes Frühjahr Brotfabrikanten, Fleisch- und Süßwarenproduzenten, Supermarktbetreiber sowie eine emsige Beraterschar zusammenkommen. „Wir brauchen einander und haben gemeinsame Interessen“, war eine der Botschaften, die unterschwellig auf der Gemeinschaftsveranstaltung des Handelsverbands Deutschlands (HDE) und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) transportiert wurde. So verzichtete der Schinkenproduzent und BVE-Vorsitzende Jürgen Abraham bei der Begrüßungsrede auf Sticheleien gegen Rewe-Vorstand und HDE-Präsidenten Josef Sanktjohanser.

Die Botschaft „Harmonie“ sollte wohl auch die Bühnenkulisse transportieren. Eine „Talk-Küche“ hatten die Veranstalter auf dem Podium im Konferenzsaal aufgebaut. Eine weiße Anrichte komplett mit Wasserhahn, Gemüseschale mit frischen Paprika, Basilikum sowie Quirlen und Kochlöffeln. An die Wand projiziert war das Foto einer unverdächtig durchschnittlichen Einbauküche in freundlichem Grün und Laminatboden. Viele Verbraucher haben so eine Küche zuhause – solche Bilder schaffen Vertrauen!

Die Heile-Welt-Kulisse wäre eigentlich nicht erforderlich gewesen, waren Nahrungsmittelproduzenten und LEH doch weitestgehend unter sich und mussten ihre Zuhörer gar nicht erst davon überzeugen, dass ihre Produkte gut, nachhaltig und gesund sind. Das mag auch einen kleinen Stilbruch in dem Saubermann-Image der Frische-Küche erklären: Unten in der Anrichte, weniger repräsentativ platziert als das frische Gemüse, fanden sich ungesunde Schokoladenpackungen gefällig drapiert.

Moderatorin und Phoenix-Journalistin Conny Czymoch konnte sich nach der aktuellen Reihe von Skandalen um Pferd in der Fertiglasagne, konventionellen Eiern im Ökogewand und Schimmelpilzsporen in Futtermais wohl des Eingangs-Kalauers nicht erwehren, man treffe sich hier und heute nicht in der „Gerüchte-Küche“, sondern der „Gerichte-Küche“.

In der „Gerichte-Küche“ konnte HDE-Präsident Sanktjohanser dann eine „Prozessverantwortung“ des LEH weit von sich weisen. Jede Stufe sei für sich selbst verantwortlich, sagte der Rewe-Mann, ohne dafür von Schinkenhersteller Abraham verbal angeschossen zu werden. Dieser sprang Sanktjohanser sogar bei und bestätigte dem Handel besonders gründliche Kontrollen. Für stufenübergreifende Harmonie sorgten denn auch gemeinsame Aufreger-Themen: Die – der Energiewende und Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sei Dank – hohen Energiekosten und die Sicherung von Rohstoffen. Beide Stufen, sowohl LEH als auch Ernährungsindustrie, leiden unter hohen Energiekosten und Rohstoffpreisen. Der gemeinsame Nenner ist garantiert.

Mit der Vorstufe Landwirtschaft dürfte sich bei diesen Themen wohl weniger Harmonie erzeugen lassen: Denn viele Erzeuger, neben CDU oder Grüne wählenden Eigenheimbesitzern mit Solarpanelen auf dem Dach, profitieren vom EEG und seinen Fördermechanismen. An schrumpfenden EEG-Umlagen dürften „Energiewirte“ daher wenig Interesse haben. Auch hohe Getreidepreise sorgen in der Vorstufe kaum für Verärgerung. Auf dem Unternehmertag in Köln hielt Südzucker-Vorstand Dr. Thomas Kirchberg die Fahne der Erzeugungsstufe hoch. Ohne EU-Subventionen, so sein Credo, könnten Landwirte selbst bei knackigen Getreidepreisen wie in diesem Wirtschaftsjahr kaum mit Gewinn produzieren.

Seine Vision einer perfekten digitalen Welt entwarf Alastair Bruce, Director Google Germany GmbH. Der LEH, so seine Botschaft, verpasse viele Chancen, die ihm das World Wide Web und seine dominierende Suchmaschine Google quasi vor die Füße würfen. „Was war die Stärke von Tante-Emma-Läden?“ rief Bruce angelsächsisch-dynamisch in den Saal. Die Antwort gab er selbst: „Tante Emma wusste alles über ihren Kunden.“ Das Internet würde dem LEH mit seinem überbordenden Datenfundus und der Auswertung des Nutzerverhaltens – etwa bei Suchen – dasselbe Wissen über seine Kunden liefern wie der launige Thekentratsch einst bei Tante Emma. Auf einer Versammlung von Daten- und Verbraucherschützern hätte Bruce dies womöglich anders dargestellt.
stats