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Horst Hermannsen zu steigenden Lebenshaltungskosten

In der Landwirtschaft ist seit Alters her ein Phänomen zu beobachten, das von der Politik übernommen wird. Man stellt eine kühne Tatsachenbehauptung auf und vertraut darauf, dass sie niemand auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. So entstand zum Beispiel die Mär von der Einkommensdisparität.

Dabei wird Unvergleichliches miteinander verglichen und in abenteuerlichen Berechnungen bewiesen, dass die bäuerlichen Einkommen geringer sind als die von – ja von wem eigentlich? Leider wird versäumt, jene Unternehmer als Vergleich heranzuziehen, die mehr als die Hälfte ihres Einkommens als direkte und indirekte Subventionen vom Steuerzahler erhalten, wie dies bei den Bauern der Fall ist. Zu den Tatsachenbehauptungen gehört zudem die Feststellung, nach der die selbstlose ehrenamtliche Tätigkeit in der Landwirtschaft besonders ausgeprägt ist.

Nur die Ämter, die von so genannten bäuerlichen Führungskräften häufig in der Familie behalten werden, sind – welch ein Zufall – immer solche, die neben der Ehre auch noch materielle Vorteile bringen. Eine immer wieder vorgebrachte Behauptung lautet zudem: die Deutschen geben nur 11 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus. Hier folgt meist die Verschwörungstheorie: Der Staat hat ein Interesse an niedrigen Verbraucherpreisen und drückt die Bauern.

Dabei wird gerne übersehen, dass die Politik in diesem Falle außer der Mehrwertsteuer kein Instrument zur Steuerung hat. Oder, was genau so falsch ist: die Nahrungsmittel stellen eine Inflationsbremse dar. Als Erklärung werden hier gerne niedrige Erzeugerpreise bemüht, die den Landwirten das Leben so schwer machen. Gleichzeitig führt aber die bäuerliche Berufsvertretung ihre Aussagen mit der sehr realistischen verbalen und bildlichen Darstellung ad absurdum, nach der die Kostenanteile der Rohstoffe etwa bei Brot, Bier, Molkereiprodukten oder Fleisch äußerst bescheiden sind.

Mit anderen Worten: wie hoch oder niedrig die bäuerlichen Rohstoffpreise sind, spielt beim Endprodukt Lebensmittel in der Summe eine eher untergeordnete Rolle. Wenn Nahrungsmittel tatsächlich bislang in Deutschland billig gewesen sein sollten, so ist dies in erster Linie das Ergebnis eines erbarmungslosen Wettbewerbs im Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Nirgendwo sonst in Europa steht dem Konsumenten so viel Einkaufsfläche zur Verfügung wie hierzulande.

Und doch haben sich die Zeiten geändert. Teure Lebensmittel haben die Inflation in Deutschland befeuert. Noch vor der Energie gehören Nahrungsmittel zu den Preistreibern. Sie verteuerten sich im Juni um 5,4 Prozent zum Vorjahresmonat, sagt das Statistische Bundesamt. Am deutlichsten stiegen die Preise für Kartoffeln, nämlich um über 35 Prozent und für Butter um über 27 Prozent. Es folgen andere Molkereiprodukte sowie Speiseöle und Obst. Hoch geschätzter Bauernverband, das Leben ist so kompliziert geworden, dass man Plakate und Argumente aus den frühen 1970er Jahren heute nicht mehr zum Einsatz bringen sollte. (HH)
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