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Katja Bongardt über das neue dänische Tierwohlsiegel

Man kennt sie ja, die Umfragen zu den Verbraucherwünschen. Sie sind weniger Wert als das Papier, auf dem sie stehen. Der Ernährungsreport 2016 des Bundeslandwirtschaftsministeriums zitiert eine Stude, derzufolge 80 Prozent der Deutschen bereit sind, mehr fürs Tierwohl zu zahlen. Im Schnitt dürfte das Fleisch aus tiergerechterer Haltung 6,50 €/Kg mehr kosten. Nur eine Minderheit von zwei Prozent würde das auf keinen Fall zahlen. Dabei haben Soziologen schon vor Jahrzehnten den Mitläufer-Effekt beschrieben: Menschen schließen sich einer erwünschten Meinung an, um Nachteile zu vermeiden (oder um persönliche Vorteile zu erzielen).

Daumen drücken für die dänischen Schweinehalter

Wem das als Hinweis darauf, dass Tierwohl am Markt nicht funktioniert, nicht genügt, sollte sich die Verkaufszahlen der Öko-Schiene anschauen. Aufwändiger produziertes und damit teureres Biofleisch hat einen Marktanteil von 1,4 Prozent. Das sind die Zahlen für Deutschland, ein Land, in dem Menschen viel Muße haben, sich der ethisch korrekten Nahrungsaufnahme zu widmen. Jetzt also hat Dänemark, ein ähnliches Wohlstandsland, ein staatliches Tierwohllabel eingeführt. Den dänischen Schweinehaltern ist zu wünschen, dass die Vermarktung des hochwertigen Produktes klappt. 


Dänemarks Umweltminister Esben Lunde Larsen (Mitte) bei der Lancierung des Siegels am vergangenen Mittwoch im MENY-Supermarkt in Kopenhagen
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Dänemarks Umweltminister Esben Lunde Larsen (Mitte) bei der Lancierung des Siegels am vergangenen Mittwoch im MENY-Supermarkt in Kopenhagen

Ringelschwänze verursachen neue Tierschutzprobleme

Und den dänischen Schweinen ist zu wünschen, dass die Haltung auch tatsächlich zu mehr Wohl führt. Ein Beispiel: Die Bebeihaltung der Ringelschwänze ist ein wesentliches Element von "Bedre Dyrevelfaerd". Der deutsche Kompetenzkreis Tierwohl, der Bundeslandwirtschaftsminiter Christian Schmidt auch bei der für 2018 vorgesehenen Einführung eines deutschen Tierwohl-Siegels berät, stellt allerdings fest: Der Verzicht auf das Kupieren von Schwänzen ist ohne neue erhebliche Tierschutzprobleme nicht in einem Schritt möglich. Das gilt auch für dänische Schweine. So ist es wohl kein Zufall, dass die Empfehlungen des Kompetenzkreises mit Worten wie Beratung, Ausbildung, Konzept, teilweise Umstellung oder Demonstrationsbetrieb gespikt ist.

Deutschland ist jetzt in der komfortablen Situation, sich die Entwicklung in Sachen Tierwohl in Dänemark in Ruhe anzuschauen. Das bietet die Chance, das geplante eigene und bereits stark kritisierte Programm den Realitäten anzupassen. Kurz vor der Bundestagswahl ist darüber hinaus für die Tiere zu hoffen, dass sich die Politk den Mitläufereffekt verkneifen kann. Das ist zwar unwahrscheinlich. Doch wie wir alle wissen: Die Hoffnung stirbt zuletzt.



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