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Brigitte Stein zur Saatgutbeizung

Saatgut ist ein wichtiges Betriebsmittel, auch wenn der Einkauf für den Landwirt oft nur eine Entscheidung von vielen ist. Schön ist es dann, wenn der Service stimmt: die richtige Sorte, im richtigen Sack, mit der richtigen Beizung steht pünktlich auf dem Hof. Ärgerlich, wenn irgendetwas nicht klappt. Die Folgen können weit reichen.

Diese Erfahrung mussten Maiserzeuger 2008 am Oberrhein machen. Eilig war eine hohe Dosierung Insektizid aufgebracht worden, um den Maiswurzelbohrer zu bekämpfen. Es kam zu einem massenhaften Bienensterben. Als „fehlerhaft behandelt“ wird das Saatgut heute bezeichnet, nachdem alle Finessen der Saatgutbehandlung und der Aussaattechnik ausgiebig erforscht sind.

Die Folgen reichen heute weit über die Rheinebene hinaus - und treffen mehr als nur den Maisanbau. Denn die gesamte Saatgutbehandlung ist seither im Fokus der Öffentlichkeit. Ein striktes Prozedere für die Saatgutbehandlung wurde erarbeitet. Sicherheit für Anwender und Bienen scheint heute technisch kein Problem mehr. Nichtsdestotrotz sind die inkriminierten neonicotinoiden Beizmittel aus der Palette der Möglichkeiten für den Pflanzenschutz verbannt. Sicher ist sicher.

Damit ist riskanten Praktiken rund um die Saatgutbehandlung aber noch längst nicht Tür und Tor verriegelt. Dagegen hilft auch nicht das umfangreiche Netz aus Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien. Nur scheinbar ist alles geregelt: Qualitäten, Verantwortlichkeiten, Kontrollen. Dabei blickt die Saatgutanerkennung in Deutschland stolz auf eine über 100-jährige Tradition zurück. Die staatliche Zertifizierung und Anerkennung erfolgt nur, wenn die betreffende Sorte zugelassen ist, der Feldbestand die festgesetzten Anforderungen erfüllt und auch das Saatgut den Anforderungen der gesetzlich definierten Beschaffenheit entspricht. Damit Saatgut als zertifiziertes, also anerkanntes Saatgut gehandelt werden kann, muss es von hoher Qualität sein. Dafür scheint das Regelwerk zu sorgen. So weit die Theorie.

Fakt ist: Jedes Regelwerk bietet Interpretationsspielraum für kreative Geister. Davor schützt das ganze Saatgutanerkennungsverfahren nicht. Denn für die Qualität der Ware ist allein der Inverkehrbringer verantwortlich. Und der wiederum muss sich im Wettbewerbsumfeld bewegen. Und er versucht auch, die besonderen Wünsche der Kundschaft zu befriedigen.

Da wird schon mal Ware nachgebeizt und wieder verschlossen. Keineswegs ist die Saatgutanerkennung in diesem Fall zur Kontrolle von Keimfähigkeit oder Beizqualität verpflichtet. Da wird der Wunsch nach einer schärferen Waffe gegen Drahtwurm beantwortet, indem Importsaatgut geliefert wird, auf das eine Beize aufgebracht ist, für die in Deutschland keine Zulassung existiert. Selbstverständlich kann auch in anderen Ländern mit hoher Haftwirkung gebeizt werden.

Fraglos sind solche Aktionen völlig legal. Nur schiefgehen darf dabei nichts. Überhaupt nichts. Denn die Folgen wären dramatisch und könnten wieder einmal weit reichen. Sie könnten die Saatgutbeizung erneut in ein schlechtes Licht rücken. Sie könnten alle Bemühungen zunichte machen, dass die erreichten Verbesserungen in der Beizung anerkannt werden. Die Suche nach Lösungen für die Landwirtschaft müsste von vorne beginnen. Das wäre ein Trauerspiel.
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