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Horst Hermannsen zur Überkapazität der Müllerei

Mühlen sind von alters her geheimnisumwittert. Drollige Märchen und grausame Moritaten ranken sich um das älteste Handwerk der Menschheit. Ihren Nimbus haben die Müller bis in unsere unromantische Tage eifrig gefördert und sorgsam gepflegt. Einige von ihnen redeten bis vor kurzem gerne und viel miteinander. Häufig ging es dabei um so geheimnisvolle Dinge, dass sogar Wettbewerbshüter im fernen Paris sowie in Bonn auf den Plan gerufen wurden. Freilich, wie dies bei konspirativen Treffen häufig so ist, einer petzt halt immer, hofft sich mit seiner Denunziation reinzuwaschen und die vermaledeite Konkurrenz zu schädigen.

Das Ergebnis: Müller sprechen nicht mehr miteinander, sondern nur mehr übereinander. Meist aber sind sie mit sich selbst beschäftigt, denn ihr Leben ist grundsätzlich hart, das Getreide zu teuer, der Mehlmarkt grausam und der Wettbewerber gemein.

Zu den großen Leidenschaften eines Mehlmüllers gehört, trotz oder vielleicht sogar wegen all der Mühsal, das Bauen zum Zwecke der Modernisierung mit dem klaren Ziel einer Kapazitätsausweitung. Das Rüstzeug dafür erhält er traditionell auf der Deutschen Müllerschule im malerischen Braunschweig.

Die kaufmännischen Kenntnisse indes wirken zuweilen so, als habe man sie sich selbst beigebracht. Zumindest mutmaßen dies jene Getreidehändler, die wegen unfreiwillig gewährter Finanzierungen unruhig schlafen. Von Albträumen werden Getreidelieferanten geplagt, wenn sie erfahren, dass Kreditversicherer bei Mühlen das Kreditlimit kürzen oder gar ganz aufheben. Dafür gibt es aktuelle Beispiele.

Der ausgeprägteste Trieb des Müllers ist sein Mahltrieb. Damit erklären sich einmal gerade in mittelständischen Betrieben das Nachwuchsproblem aus der eigenen Familie und zum anderen die Mehlschwemme mit ihren fatalen Folgen für die Preisbildung. Mit biologischen Nachwuchssorgen wollen wir uns an dieser Stelle aus nahe liegenden Gründen nicht befassen, zumal hier die sprichwörtlich schöne Müllerin mit kundiger Raffinesse gefordert wäre. Sachkundiger fühlen wir uns indes beim Thema Überkapazität.

Sie führt zu immer waghalsigeren Geschäftsstrategien. Da deckt sich im zeitigen Frühjahr manch eifriger Müller, zwangsläufig unzureichend, mit Rohstoffen der kommenden Ernte ein, um flugs weitaus größere Mehlmengen an seine Stammkundschaft, vor allem aber an die bisherige Kundschaft der Konkurrenz, zu verkaufen. Die Abnehmer des austauschbaren Produktes sehen es mit Freuden und scheren sich wenig um die Sorgen der Müller, die bei der Nachdeckung Getreide- und Mehlpreis nicht in Einklang bringen können.

Waren es in den guten alten Zeiten handwerkliche Bäcker, die so teuer Mehl kaufen mussten, dass sie damit die niedrigen Preise für industrielle Verarbeiter subventionierten, so haben sich die Verhältnisse mittlerweile grundlegend verändert. Kleine und mittlere Bäckereien verschwinden täglich, weil sie den Backfabriken, die häufig selbst auf wackeligen Beinen stehen, nicht Paroli bieten können.

Und wie reagieren die Mühlen? Sie bauen weiter, beschimpfen sich gegenseitig, dass jeweils der andere seine Kapazität erweitert und drücken den Mehlpreis. So gewinnt der Außenstehende den Eindruck, als gönne man sich in dieser Branche nicht einmal mehr die Verluste. Das verstehe, wer will.
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