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Horst Hermannsen zur Stimmung in der Branche

Die Landwirtschaft wird von einer Welle hektischer Zufriedenheit getragen. Finanzielle Engpässe sind dank staatlicher Beihilfen und guter Markterlöse bei denen, die ihr Handwerk verstehen, unbekannt. Ackerbauern verfügen über Liquiditätspolster, die es ihnen bis heute erlauben, 30 Prozent ihrer Weizenernte nicht verkaufen zu müssen.

Rinder- und Schweinemäster blicken - ungeachtet aktueller Schwierigkeiten - mit Zuversicht in eine interessante Zukunft. Milchbauern erstellen mit Hilfe gewaltiger Subventionen Stallkapazitäten in nie dagewesener Größenordnung. Angesichts attraktiver Milchpreise und hervorragender Absatzprognosen suchen selbst die in Ordnungspolitik verliebten Verschwörungstheoretiker des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) händeringend nach Argumenten für ihr sonst übliches Untergangszenario. Derweilen führen Bieterschlachten, die Interessenten um knapp gewordenen Flächen schlagen, zu ungeahnten Pachtpreisen.

Natürlich profitieren die vor- und nach gelagerten Stufen von der euphorischen Stimmung in der Landwirtschaft Eine Ausnahme bildet lediglich die Mühlenwirtschaft. Dieses Gewerbe geht unverdrossen seiner Passion nach und vernichtet erfolgreich Kapital durch Marktkannibalismus. Die Verantwortlichen mancher Handelsfirmen wiegen sich hingegen in der Imagination, gute wirtschaftliche Ergebnisse seien ihrem Können und ihrer persönlichen Leistung geschuldet. Hier wird besonders deutlich, dass der Konjunktiv der Vater des Zweifels ist. Tatsächlich nämlich profitieren sie in erster Linie von konjunkturellen Höhenflügen.

Wer in solchen Zeiten kein Geld verdient, der wird nie welches verdienen. Das wissen auch die Protagonisten der Landtechnik. Da offensichtlich Landwirte nicht mehr so ganz genau wissen was sie mit ihrem vielen Geld anfangen sollen, investieren sie in Technik, als gäbe es kein morgen. Das Männerspielzeug Prestigeschlepper hat irrwitzige Stilblüten hervorgebracht. So erklärt der Vertreter eines namhaften Herstellers in Bayern, der Kauf eines Schleppers aus seinem Haus sei für die Bauern eine Kapitalanlage. Nicht ungeschickt der Werbegag, den auch große Buben lieben Illusionen.

Ein Blick in die nächste Zukunft lässt die Augen leuchten. Der Winter, der keiner war, hat zu einer idealen Bestandsentwicklung auf den Feldern geführt. Darüber freut sich der Landmann. Ärgerlich nur für Züchter, Vermehrer und Saatenhändler, weil sie keine Auswinterung beklagen können. Indes hofft die Agrarchemie auf ähnliche Verhältnisse wie im Vorjahr. Da wucherten die Pilze, die Schädlinge vermehren sich und das Geschäft mit den entsprechenden Mittelchen blühte.

In der Agrarwirtschaft wird kaum noch gejammert – dass freilich sollte nachdenklich stimmen.
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