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Piet Schucht zum Reizthema Tierhaltung

Jetzt muss auch noch des Deutschen Lieblingskind herhalten. Seit bekannt wurde, dass der Geflügelproduzent Wiesenhof einer der möglichen Hauptsponsoren für das Trikot des Fußballvereins Werder Bremen ist, protestieren Tierschützer und Fans im Internet. Im sozialen Netzwerk Facebook wütet ein „Shitstorm". Der Facebook-Gruppe „Wiesenhof als Werder-Sponsor? Nein Danke" sind innerhalb kurzer Zeit mehr als 12.000 Nutzer beigetreten. 

Das darauf folgende gewaltige mediale Echo ist einerseits ein untrügliches Zeichen für das gegenwärtige Sommerloch. Andererseits zeigt es aber auch, wie viel Sprengkraft das Thema in sich birgt. Der Fall reiht sich in eine Berichterstattung ein, die den erbitterten Streit um die Tierhaltung in Deutschland regelmäßig weiter anheizt. Beinahe im wöchentlichen Rhythmus weisen Natur- und Tierschutzverbände auf „gravierende Missstände" in der Haltung von Nutztieren hin. „Industrielle Massentierhaltung", „Turbomast" und „Antibiotikamissbrauch" sind nur einige der gängigen Vokabeln. Ein Großteil der Medien nimmt die Hinweise dankbar auf - schließlich ist Skandalträchtiges mit Blick auf die Quote immer willkommen. 

Viele Tierhalter werden angesichts der stetigen Vorwürfe unruhig und fühlen sich in die Schmuddelecke gedrängt. Um aus dieser herauszukommen, wagen sie zuweilen den Schritt in die Öffentlichkeit. So kündigte die niedersächsische Geflügelwirtschaft in dieser Woche eine Transparenzoffensive an. Verbraucher sollen künftig die Möglichkeit erhalten, sich in den Ställen der Tierhalter ein eigenes Bild zu machen. Die Reaktion der Kritiker folgte prompt. Es handele sich um eine reine PR-Aktion, urteilten diese - wirkliche Dialogbereitschaft sieht anders aus. 

Zudem wird die Debatte durch den anhaltenden Strukturwandel in der Tierhaltung weiter angeheizt. Der Kampf zwischen den Kleinen und Großen wird bevorzugt über Argumente  des Tierschutzes austragen. Dabei ist die Bestandsgröße allein, kein ausreichendes Kriterium für die Qualität der Tierhaltung. Gerne bemühen Kritiker den ihrer Ansicht nach zu hohen Selbstversorgungsgrad in der deutschen Schweinefleischproduktion, um Maßlosigkeit und Profitorientierung der heimischen Erzeuger zu belegen. Etwas eigentümlich ist dieses Argument schon. Was soll am Export von Fleisch unmoralischer sein, als an dem anderer Erzeugnisse? 

Um es deutlich zu sagen: Das Gewinnstreben von Unternehmen darf nicht über dem Wohl der Tiere stehen. Tatsächliche Missstände gehören abgestellt. Wer aber die Tierhaltung in Deutschland als Ganzes aus ideologischen Gründen abschaffen will, sollte dies auch in aller Klarheit aussprechen. Zudem sollten Kritiker der Tierhaltung die Augen vor einer schlichten Tatsache nicht verschließen: Ein Großteil der Verbraucher ist nicht bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, als dies heute der Fall ist. Ein Mittelweg zwischen Tierwohl, Wirtschafts- und Verbraucherinteresse ist notwendig. 

Gegenwärtig gibt es in der Debatte zwischen romantisch verklärtem Bauernhofidyll und Agrarfabriken mit geschundenen Tieren kaum Zwischentöne. Die Zeit für einen sachlichen Dialog aller Beteiligten ist überfällig. Ein erster Schritt dahin wäre es, verbal abzurüsten. Leider stehen die Vorzeichen dafür nicht gut. Der Tonfall dürfte im kommenden Jahre eher noch schärfer werden. In den bevorstehenden Wahlkämpfen in Niedersachsen und auf Bundesebene wird die Tierhaltung eine große Rolle spielen. Die Grünen haben bereits angekündigt, sie zu einem zentralen Thema ihres Wahlkampfes machen zu wollen. Die Fronten bleiben wohl verhärtet.

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