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Katja Bongardt zur Instrumentalisierung der Geflügelpest

Das wurde aber auch Zeit. Der Zyniker kann sich freuen. Endlich mal wieder eine Seuche, die sich prima für die eigenen Botschaften ausschlachten lässt. Zum Beispiel, dass die vegane Ernährung die gesündere ist.

Kaum hat sich die Nachricht über den Ausbruch der Geflügelpest verbreitet, folgt der Angriff auf die Landwirtschaft. Die Reaktion von Tierschützern klettert auf der Hysterieskala von Stufe 1 „Generalverdacht" auf Stufe 3 „Verschwörungstheorie".

Unter Generalverdacht stellt der Naturschutzbund Nabu alle Landwirte mit Stall. In dieser Woche hat er die Geflügelhalter als Ursache für die Verbreitung des H5N8-Virus ausgemacht. Wildvögel seien unschuldig. Beweise werden nicht geliefert.

Stufe 2 erklimmt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Seiner Meinung nach ist Tier nicht gleich Tier. Die Konsequenzen der Geflügelpest seien in industriellen Tierhaltungen fataler als in kleinen Beständen. Schröder kann ja bei den 80 Tierhaltern rund um den betroffenen Putenmastbetrieb in Heinrichswalde einmal nachfragen, ob die das nach der Keulung ihrer „nur" 1.000 Tiere auch so sehen.

Mit Bravour meistert der österreichische Verein Animal Spirit den Aufstieg in Stufe 3, die Verschwörungstheorie. Der Verein erklärt das FLI, eine der ersten Adressen, wenn es um die Bekämpfung von Seuchen geht, zum brandstiftenden Feuerwehrmann. Es wird die Vermutung geäußert, dass das Virus aus dem FLI-Labor stammen könnte. Darüber hinaus gäbe es ein wirtschaftlich-politisches Interesse, Panik in der Gesellschaft zu schüren. Wessen wirtschaftliche Interessen H5N8 genau vertritt, wird nicht weiter ausgeführt.

Die Liste ließe sich fortsetzen.

Es ist, als wäre die Branche für vogelfrei erklärt worden. Ausgestoßen und entrechtet. Wenn in der Klasse die Läuse ausbrechen, wird dafür doch auch nicht die Schule verantwortlich gemacht. Die reißerische Werbung, die die Wochenzeitung "Die Zeit" aktuell für ihr Titelthema "Die Rache aus dem Stall" fährt, passt da nur bestens ins Bild.

Selbstverständlich kann und muss die Tierhaltung in Deutschland diskutiert werden. Und je vielstimmiger das ausfällt, desto besser. Aber wo ist eigentlich die Stimme der Agrarwirtschaft? Kann das alles der Politik überlassen werden? Die immerhin äußert sich beispielsweise, dass durch eine professionelle Reaktion die weitere Ausbreitung der Geflügelpest verhindert werden konnte, wie Bundesminister Schmidt meldet. Und auch der Landwirtschaftsminister in Mecklenburg-Vorpommern konterte ganz pragmatisch: „Dem Virus sind Haltungsformen schlichtweg egal."

Die Agrarwirtschaft bleibt eine Antwort schuldig. Und um im Schul-Bild zu bleiben: Es gäbe doch eine Menge Klassensprecher. Angefangen von den Industrie- und Handelsverbänden bis zu den Zusammenschlüssen der Bauern. In diesem tragischen Seuchenfall steht es bei der Kommunikation 1:0 für die Landwirtschaftsgegner.
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