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Daphne Huber-Wagner zu agrarpolitischen Bauerntagen

In Scharen strömen junge Menschen in diesen goldenen Oktobertagen hinaus vor die Stadt, denn es ist Volksfestzeit in Süddeutschland. Alt und Jung sind vom Wiesn- und Wasen-Fieber gepackt. Ihre gute Laune ist in den Zügen und U-Bahnen ansteckend und das Outfit ein Hingucker: Die Mädchen im feschen Dirndl und die Buben in der Krachlederhose.

Ein großer Anziehungspunkt ist in diesem Jahr auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart das Landwirtschaftliche Hauptfest, das alle vier Jahre stattfindet - gleich gegenüber den Bierzelten und Fahrgeschäften. Ein Höhepunkt ist dort der Bauerntag. Hier sollen die Verdienste der Landwirtschaft für die Gesellschaft einmal richtig gefeiert werden.

Nur sind die bunten Gewänder der jungen Leute unter den anwesenden Landwirten im voll besetzten Festzelt in der Minderzahl. Sie fühlen sich wohl nicht angesprochen, von den Agrarpolitikern, die oben auf dem Podium über die aktuellen Probleme in der Landwirtschaft mehr oder weniger pointiert berichten. Denn um die Stimmung in der Landwirtschaft steht es derzeit nicht zum Besten. Zum Preis von 1,40 € für das Kilo Schweinefleisch lässt sich kein Blumentopf gewinnen. Beim Getreide sieht es auch nicht viel besser aus.

Und es wäre nicht der deutsche Bauernpräsident, wenn er den russischen Einfuhrstopp für deutsche und europäische Agrarprodukte nicht sofort wieder mit seiner seit Jahren wiederholten Forderung nach einer Risikoausgleichsrücklage für die Landwirte verbindet. Diese Steuer-Variante hält Rukwied zum besseren Abfedern von Marktschwankungen für absolut notwendig. Wäre da nicht der Bundesfinanzminister, der von solchen Sonderbegünstigen gar nichts hält. Und auch Bundesagrarminister Christian Schmidt, der um seine viel zitierten „pragmatischen Lösungswege“, in jeder agrarpolitischen Diskussion, bemüht ist, dürfte seine Schwierigkeiten haben, diese Forderung durchzuboxen.

Rukwied kennt als Landwirt, der noch vor der Veranstaltung am frühen Morgen auf seinem Acker nach dem Rechten gesehen und nach eigenem Bekunden Landluft eingeatmet hat, die Sorgen seiner Berufskollegen sehr genau. Und er setzt sich mit Verve für die  gesellschaftliche Akzeptanz ihrer Arbeit auf dem Feld und im Stall ein. Damit auch die  künftige Generation mit Stolz eigenständig Landwirtschaft betreiben könne. Hier wäre der agrarpolitische Bauerntag eine gute Gelegenheit, dem Berufsnachwuchs das Wort zu erteilen. Die Landwirte der Zukunft könnten ihre Vorstellungen von Landwirtschaft vor versammelter Festgemeinde darlegen. Dies ist bisher ausgeblieben. Dem grauen Einheitsbild, das noch im Publikum vorherrscht, würden in Zukunft die vielen Farbtupfer der modischen Trachtenträger sicher gut stehen. (da)
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