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Bauer Willi zum Markt

Was ist falsch an diesem Begriff, Wachsen, den ich schon mit der Muttermilch aufgesogen habe? Nichts, aber auch gar nichts! Flucht nach vorn ist die Devise. Koste es was es wolle, die Zinsen sind ja so niedrig! Wer billiger produziert als der Nachbar, hat die Nase vorn.

Für die Milch gibt es 29 Cent je Kilo? Aufstocken und alles Besamen lassen, was vier Beine und ein Euter hat! Dann geht es auch für 27 Cent. Morgen dann für 25 Cent, übermorgen für 23 Cent?!. Für‘s Schwein 1,40 €/kg? Darf es nicht noch ein bisschen weniger sein? Tun es nicht auch 1,30 oder 1,20? Tönnies und Westfleisch wird es freuen. Es muss sich halt jeder nach der Decke strecken, genug geheult, was soll das Lamento, klagen bringt niemand weiter!

Aber wir Bauern sind an unserem Elend doch selber schuld. Nicht, dass wir zu immer niedrigeren Stückkosten produzieren. Nein, wir zahlen auch noch absurd hohe Pachtpreise, um weiter zu wachsen. Wir bekommen ja Subventionen, da kann man doch was von abgeben. Produktion von Überschüssen? Die Weltbevölkerung wächst, und China wird’s schon richten. Und vielleicht kommen uns irgendwann doch wieder die Russen zu Hilfe. Also pachten wir weiter, bauen neue Ställe und stocken unsere Bestände immer weiter auf. Wir sind Vollgas-Bauern!

Unsere geschätzten Geschäftspartner, die Verarbeiter, machen auch fast keine Gewinne. Schlachthöfe, Molkereien und Mühlen sind soziale Einrichtungen, die nur dazu geschaffen wurden, unsere Produkte zu Selbstkosten in den Handel zu bringen. Sie glauben das nicht? Ich auch nicht. Und deshalb werden neben dem Preis auch die Anforderungen an unsere Produkte immer höher. Gesetzliche Anforderungen alleine genügen nicht, neue und sehr individuelle Qualitätsnormen der Verarbeiter sowie diverse Audits sind gut geeignet, den Preis zu drücken. Ich habe selbst einige Jahre Kartoffeln angebaut und weiß aus eigener Erfahrung, wie flexibel Verträge ausgelegt werden können.

Die Verarbeiter sagen uns dann, dass sie eigentlich gerne bereit wäre, mehr für unsere Produkte zu zahlen, wenn da nicht der nächste Marktpartner wäre, die Discounter und Supermärkte. Die arbeiten bekanntermaßen mit niedrigsten Margen und verdienen eigentlich nichts. Wie niedrig die Margen sind, habe ich mit einem kleinen Korb voll regionaler Produkten in der WDR-Sendung ‚Daheim + Unterwegs‘ gezeigt. Die Zwiebeln für 3 Cent/kg kosteten am gleichen Tag im Laden 39 Cent/kg, die Möhren für 15 Cent dann 1,49 €/kg.

Du willst als Produzent nicht auf die Preise der Einkäufer einsteigen? Du kannst doch frei wählen: Auslistung oder Mitmachen. Wenn Du nicht willst, ein anderer wird schon wollen. Die Daumenschrauben der Preisdrücker-Kolonnen werden so weit gedreht, bis Blut spritzt. Da ist sich das Oligopol schnell einig. Ob da ein paar Betriebe auf der Strecke bleiben? Egal, unsere liberale Marktwirtschaft hat schon Bäcker, Metzger und Tante Emma kleingekriegt, da wird man das mit den Bauern doch auch noch hinbekommen.

Der Verbraucher ist an all dem nicht interessiert. Der will nur eines: billig. Der Verbraucher handelt so, wie er immer handelt und schaut, dass er die Groschen (heute Cent) zusammenhält. Damit mehr Geld für etwas Sinnvolleres als die Nahrungsaufnahme übrig bleibt.

Doch wer soll es nun richten? Da wäre eine zum einen eine sehr beliebte Organisation, die uns Bauern helfen müsste: Der Bauernverband. Schließlich sind wir Bauern ja fast alle Mitglieder dort und zahlen unsere Beiträge. Und der Verband tritt ja für uns alle ein, ob klein, ob groß, alt oder jung, Ackerbauer oder Viehhalter, ob in West oder Ost. Doch dass ein Verein Preise macht, wäre etwas ganz Neues. Und dass von ihm zu erwarten, wäre schlichtweg blauäugig.

Bliebe schließlich noch einer, der es richten kann: Die Politik. Als ich kürzlich das Leitbild unseres Landwirtschaftsministers gelesen habe, blieb mir nur, ihm viel Glück zu wünschen. Sein Leitbild ist „eine nachhaltig ökologisch tragfähige und gleichzeitig ökonomisch ausgerichtete Landwirtschaft“. Wow, da ist ja wirklich für jeden was dabei. Der Bürger freut sich über Ökologie und Nachhaltigkeit, der Landmann wird mit Ökonomie beglückt, die ihm sein Einkommen sichert. Wenn der Minister dann aber überraschend „eine zunehmende, aber nicht gerechtfertigte Entfremdung zwischen den gesellschaftlichen Anforderungen und der landwirtschaftlichen Realität“ beklagt, andererseits aber „Größenvorgaben in der Agrarstrukturpolitik“ ablehnt, wird die Verwirrung vollends komplett.

Und wie die Opposition, die Grünen, den bäuerlichen Familienbetrieb erhalten wollen, hat mir auch noch keiner richtig erklärt. Mit immer neuen Auflagen und Verboten klappt das nämlich nicht. Da verliert auch der letzte Familienbetrieb nicht nur die Lust am Weitermachen, er kann diesen bürokratischen Aufwand einfach nicht mehr stemmen!

Das Leben ist hart. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welchen Weg er in Zukunft gehen will. Wählt er Wachstum, begibt er sich in ein Hamsterrad, in Abhängigkeiten von Banken, der aufnehmenden Hand, der Politik. Warum soll die Zukunft anders aussehen als die Gegenwart? An den Parametern wird sich wohl nichts Entscheidendes ändern.

Die Option des Weichens wählt niemand gerne, weil sie mit sozialen und emotionalen Aspekten verbunden ist. Es „fühlt“ sich halt an wie persönliches Scheitern, wie die Aufgabe vor der Macht der Fakten. Und das fällt menschlich schwer, auch wenn es eine kluge unternehmerische Entscheidung sein kann.

Die dritte Option ist mein persönliches Fazit: Ich suche mir mit unserem Sohn eine Nische mit zahlungskräftigen Kunden. Wir umgehen Weiterverarbeitung und Handel und kümmern uns nicht darum, was Politik, Verband, NGOs dazu sagen. Wir gehen den kurzen Weg: Erzeuger verkauft an Verbraucher. Und schaffen so das Vertrauen in unsere Arbeit.

Unser Sohn hat mehr als eine Idee, was wir machen können, und wie wir es machen. Aber wir beide werden einen Teufel tun, das hier zu veröffentlichen. Unser Sohn hat das, was seinem Vater fehlt: Kreativität, Einsatzfreude und Mut. Und ihm fehlt, was sein Vater hat: Geld, Vorsicht und Weitsicht. Da sind wir doch ein gutes Team, oder? Er will wachsen, soll doch ein anderer weichen.
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