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Stefanie Pionke zu politischen Betriebsbesichtigungen

Im Sommerloch hat fast jedes Thema eine Chance. Das wissen Journalisten, die in der traditionell nachrichtenarmen Zeit ihre Blätter, Radiosendungen oder Fernsehprogramme mit Inhalt füllen müssen, nur zu gut. Genauso gut wissen es aber auch Politiker aus der zweiten Reihe, die Autoren mäßig spannender, wissenschaftlicher Studien oder politische Parteien, die Initiativen mit geringer Priorität – Stichwort „Veggie Day“ – Aufmerksamkeit verschaffen wollen. Richtig kurios wird es aber erst, wenn das Sommerloch auf ein weiteres Phänomen der medial vermittelten Wirklichkeit trifft: Den Wahlkampf.

Im Wahlkampf begeben sich Politiker gerne hinein in die Welt der Bürger, quasi ganz nah zum normalen Menschen. Sie zeigen sich bodenständig und können unter Beweis stellen, dass sie für die Sorgen ihrer Wähler Verständnis haben. Was wirkt geerdeter, was wirkt bodenständiger als landwirtschaftliche Betriebe? Eigentlich gar nichts, scheinen sich die PR-Berater und Wahlkampf-Planer in den Parteizentralen zu denken.

So beehrte der SPD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Peer Steinbrück, einen landwirtschaftlichen Hof im nordrhein-westfälischen Mettmann mit seiner politischen Betriebsbesichtigung. Er plauderte mit den Bauern und Vertretern des Rheinischen Landwirtschaftsverbands (RLV) über die EU-Agrarpolitik, den Schwund landwirtschaftlicher Produktionsflächen und die drohende Vermögenssteuer. Vor letzterer bräuchten sich landwirtschaftliche Unternehmer nicht zu fürchten, sollte die SPD die Bundestagswahl gewinnen, versicherte Steinbrück laut RLV-Pressetext. Man wird sehen, ob der Kandidat im Falle eines Wahlsiegs der Sozialdemokraten – die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt – sein Wort hält. Kleine Bemerkung am Rande: Etwas deplatziert wirkt Steinbrück schon auf den Fotos, die ihn mit missmutig verschränkten Armen im Kuhstall zeigen.

Auch Volker Bouffier, der Spitzenkandidat für die CDU bei der Landtagswahl in Hessen im September, machte am Donnerstag bei seiner Sommerreise durch das Bundesland Halt bei einem Milchviehbetrieb nahe Darmstadt. Während der „Turboführung“, wie es die örtliche Presse beschreibt, ist keine Zeit für die Erörterung drückender Themen wie etwa der mutmaßlich zu niedrige Milchpreis. Zwar wirkt Bouffier auf Fotos, die ihn beim Streicheln einer Milchkuh zeigen, fröhlicher als Steinbrück, dem die Stallluft offenbar nicht so gut bekam. Die Kuh mit der Nummer 13281 weicht aber etwas erschrocken vor der Hand des Ministerpräsidenten zurück, wie der spitzfindige Reporter des Darmstädter Echo bemerkt.

Brigitte Zypries, die für die hessische SPD im Schattenkabinett sitzt als Verbraucherministerin, will beim Schaulaufen auf Deutschlands Bauernhöfen offenbar nicht zurückstecken. Sie ließ sich unlängst den Biohof von Felix Prinz zu Löwenstein zeigen, seines Zeichens Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Fernsehbeiträge der Besichtigung des Hofs im hessischen Habitzheim produzieren die gewünschten Bilder: Zypries bewundert die niedlichen Bioferkel – komplett mit intakten Ringelschwänzchen. Die Sozialdemokratin zeigt Verständnis für die Nöte der vom harten Wettbewerb gebeutelten Biobauern.

Jenseits der politischen Betriebsbesichtigungen erfreute das Sommerloch in dieser Woche mit einer besonders skurrilen Debatte. In ein Wespennest traten die Grünen mit ihrem Vorstoß für die Empfehlung eines fleischlosen Tags pro Woche in Kantinen von Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Von „Bevormundung der Bürger“ war die Rede, gar von einer Erziehungsdiktatur, das Bundeslandwirtschaftsministerium verteidigte qua Pressemitteilung Fleisch als Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung. Landauf landab wurde das Recht auf Selbstbestimmung beschworen. Man könnte glatt meinen, die Grünen hätten die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie vorgeschlagen.
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