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Dr. Jürgen Struck zu Futtermitteln ohne Gentechnik

Mit der Realität ist es so eine Sache. Entweder sie ist einfach da -  dann muss sie anerkannt werden -, oder sie zeigt sich als Ergebnis von Entwicklungen zu einem späteren Zeitpunkt. Darauf können und sollten sich jeder Einzelne oder auch Organisationen rechtzeitig einstellen und ihr Handeln danach ausrichten. Sonst kann die Realität plötzlich auftreten und im Extremfall Schockzustände verursachen. Unsicherheit und manchmal auch Streit kann entstehen, wenn die Prozesse und deren Ergebnis von Beteiligten unterschiedlich eingeschätzt werden.

Die Entscheidung des britischen Lebensmittelhändlers Tesco und einiger seiner Wettbewerber,  zukünftig im Geflügelfutter gentechnisch-verändertes Soja als Eiweißkomponente zuzulassen, hat teilweise Verwunderung, aber zumindest in Fachkreisen auch Zustimmung hervorgerufen. Spricht sie doch für die rechtzeitige Einsicht der Lebensmittelhändler in einen laufenden Prozess, an dessen Ende eine unzureichende Versorgung mit dem garantiert gentechnikfreien Sojamaterial stehen wird. Der Hinweis auf die gesundheitliche Unbedenklichkeit für die Verbraucher war ein wichtiger Punkt in der Argumentation der Unternehmen.

Verliert damit die Gentechnik als Bestandteil der pflanzlichen Produktionstechnik allmählich ihren Schrecken?  Dies ist gut möglich. Denn das Thema „Nachhaltigkeit" gewinnt in der Kommunikation mit den Verbrauchern immer stärker an Bedeutung. Und Nachhaltigkeit ist keinesfalls gleichzusetzen mit Bio- oder Ökosiegeln. An sie werden andere Kriterien angelegt.

Interessant in diesem Zusammenhang ist eine Darstellung aus dem Thünen-Institut in Braunschweig. Danach hat sich im Zeitraum 1967/69 bis 2007/09 die auf der Welt zur Verfügung stehende Anbaufläche praktisch nicht verändert. Stark verändert haben sich jedoch die daraus gewonnenen Erträge. Sie liegen beim Doppelten der vor gut 40 Jahren erzielten. Auch die Weltfleischerzeugung hat sich in dieser Zeit nahezu verdoppelt. Und das ist auch gut so, denn die Weltbevölkerung hat sich allein in dieser Zeit von etwa 3,5 auf 7 Milliarden Menschen erhöht. Trotzdem sind umfassende und längere Nahrungsmittelkrisen bisher ausgeblieben. Und in Europa kann intensiv und kontrovers über Lebensmittel, deren Qualität und Herkunft diskutiert und gestritten werden. Mangel jedenfalls herrscht nicht.

Eine deutlich erhöhte Produktion bei gleichbleibender Fläche ist das Ergebnis anwendungsorientierter Forschung und deren Umsetzung. Alle Disziplinen im Pflanzenbau und der Tierhaltung haben ihren Teil dazu beigetragen, eine im besten Sinne nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Wahrscheinlich niemand würde heute unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit noch Wert darauf legen, pflanzliche Produkte „garantiert ohne Düngemittel" oder „Unkrautbekämpfung garantiert von Hand" zu erwerben. Und wer es will, kann es ja tun.

In gleicher Weise kann es sein, dass gentechnische Veränderungen im Sojaanbau bald als Bestandteil einer „nachhaltigen" Produktionsweise anerkannt werden. Alternativen dazu wird es wahrscheinlich ohnehin kaum geben, denn wegen ihrer eigenen produktionstechnischen Vorteile setzen die Farmer in der verbliebenen Oase gentechnisch unveränderter Ware in Brasilien zunehmend auf  die neuen Sorten.  
    
Dieser Prozess läuft und ist in den mit der Verarbeitung von Soja beschäftigten Branchen seit langer Zeit bekannt. Dies der Öffentlichkeit zu vermitteln, war jedoch immer problematisch bis unmöglich. Dafür kann die aus Einsicht erlangte Entscheidung der britischen Lebensmittelhändler unterstützend wirken.

Um Missverständnisse  zu vermeiden: Dies ist keinesfalls ein Plädoyer für die Gentechnik als solche - aber mit Blick auf die weiter steigenden Anforderungen an die weltweite Agrarwirtschaft kann sie bei nachgewiesener Unbedenklichkeit als Teil einer nachhaltigen Produktionsweise ihren Platz erhalten. Und eine gewisse Offenheit für zukunftsorientierte Forschung sollten wir alle uns grundsätzlich erhalten. 

Für vielfältige Wünsche bleibt auch in Zukunft noch genügend Raum - aber eine Welt oder Regionen völlig frei von gentechnischen Veränderungen werden der Wirklichkeit nicht mehr gerecht.
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