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Dr. Jürgen Struck zur Mengenreduzierung

Besonders in Krisensituationen schlägt die Stunde der Besserwisser. Patentrezepte sind flugs formuliert, häufig verbunden mit der Aussage: Darauf haben wir immer schon hingewiesen - und wir haben recht. Doch in der Regel  fehlt der praktische Beweis für einen Erfolg. Und für neue tatsächlich zielführende Vorschläge besteht oftmals ein Mangel an Ideen.

Im Milchmarkt sind wir bereits seit einiger Zeit Zeugen einer derartigen Situation. Ja, es gibt eine ausgeprägte Schwäche in der Nachfrage. Ursachen dafür liegen in politischen Entscheidungen und Aktionen sowie in wirtschaftlichen Prozessen begründet, und zwar globaler Art. Und ebenso, ja - es gibt ein großes Angebot an Milch, ebenfalls weltweit. Vor nicht langer Zeit war dieses  sogar marktgerecht und niemand hat sich daran gestört.

In den globalen Handelsströmen suchen sich die Produkte ihren Weg und das zu marktkonformen Preisen - wo immer diese liegen mögen. In Zeiten von ausgeprägten Marktstörungen, bedingt durch Importbeschränkungen wie in Russland, gesellschaftlichen Umbrüchen wie im Nahen und Mittleren Osten bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen, wirtschaftlichen Problemen wie in China  und massiven Preiseinbrüchen an wichtigen Rohstoffmärkten wie dem Rohöl, kann die Güternachfrage sinken, auch für hochwertige Lebensmittel wie Milchprodukte.
 
Am wenigsten Verantwortung dafür trifft die Erzeuger. Sie haben in der Zuversicht auf eine weiter wachsende Nachfrage der Welt investiert - in Deutschland aber genauso auch in allen anderen Ländern der EU. Und sie hatten gute Gründe dafür. Doch durch externe Faktoren bedingt ist das Kind jetzt offensichtlich  in den Brunnen gefallen und Hilfe tut not - oder Durchhalten.

In dieser Situation wirkt das Gerede des immer gleichen Chores  um „Mengenreduzierungen", am besten staatlich verordnet, wohlfeil, gleichzeitig hilft es niemandem.  Denn wie und wo soll denn die Menge um wieviel reduziert werden, um die Marktverhältnisse wieder ins Lot zu bringen? Sollten es fünf, zehn oder besser noch zwanzig Prozent sein? Und wenn ja - wo soll die Menge eingespart werden? In Deutschland, Irland, Neuseeland oder Dänemark? Und auf welche Weise könnte dies erfolgen?
 
Das Wort „Abwrackprämie" mag im Kontext der Autoindustrie oder Kühlschränken vielleicht noch vermittelt werden können, im Fall der Milchkühe klingt es zynisch. Abgesehen müsste auch sie bezahlt werden.

Doch in der Tat sind neue Modelle für Lieferbeziehungen zwischen Erzeugern und Verarbeitern nötig. Vielleicht in Form von festen Verträgen für Qualitäten und unterschiedliche Anliefermengen - nennen wir sie einfach A- und B-Milch. Doch bitte auf einzelbetrieblicher Ebene. Dann ergäben sich Mengenanpassungen auf dem Weg des Marktes. 

Wie auch immer, kreative Vorschläge sind sicher bei allen Beteiligten willkommen. Doch dies benötigt Zeit und kann kurzfristig nicht helfen. Der pauschale Ruf nach Mengenreduzierungen aber hilft schon gar nicht. Eines eint die Politik und Verbände sowie Erzeuger und Verarbeiter: Sie wirken derzeit ziemlich ratlos.
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