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Horst Hermannsen zur Situation bei Südzucker

Europas größter Zuckerproduzent, die Südzucker AG, kündigte für das Geschäftsjahr 2014/15 einen operativen Gewinneinbruch von 70 Prozent an. Daraufhin kam es bei dem M-DAX-Titel zeitweise zu einem atemberaubenden Kursverfall. Die Aussichten seien verheerend, meinen Analysten. Da stockt einem doch schier der Atem. Stehenden Fußes kündigte denn auch die Ratingagentur Moody´s an, eine Herabstufung der aktuell noch gültigen Bonitätsnote „Baa1" zu prüfen. Der schwache Ausblick habe jenseits seiner Erwartungen gelegen, begründet Moody´s Experte Sven Renke seine Einschätzung. Für weitere Unsicherheit sorge zudem die im Herbst 2017 auslaufende Zuckermarktordnung.


Commerzbank und  Nord LB raten deshalb Anlegern, ihre Südzuckeraktien zu verkaufen. Nun könnten böse Zungen behaupten, es trifft keine Armen. Schließlich sind die Hauptaktionäre Rübenbauern. Sie halten einen Anteil von 52 Prozent am Kapital. Die aber, so könnte jemand behaupten, der sich unbeliebt machen wollte, haben mit hohen Zuckerrübenpreisen mit dazu beigetragen, dass es „ihrer" Südzucker nicht mehr so gut geht wie noch vor etwa zwei Jahren.

Das stimmt natürlich so nicht ganz. Der Zuckermarkt ist nicht mehr die Gelddruckmaschine die er einmal war. Zudem hat die hoch subventionierte Südzucker-Tochter Cropenergies erschreckt zur Kenntnis nehmen müssen, dass es bei Bio-Ethanol so etwas wie Wettbewerb gibt. Ein für die Branche bislang weitgehend unbekanntes Phänomen. Die Folge: Auch hier sank das operative Ergebnis drastisch.

Ach, was waren das doch für glorreiche Zeiten, als der Konzernumsatz noch 7,9 Mrd. € betrug und das operative Ergebnis - getragen durch die positive Entwicklung im Segment Zucker -  stolze 975 Mio. €.erreichte. Doch selbst das jüngst bekannt gemachte operative Konzernergebnis von immerhin 658 Mio. € kann sich doch sehen lassen - oder? Demnächst schon soll das Ergebnis aber nur noch bei 200 Mio. € liegen!?! Hat sich da jemand im Ausland verzockt? Gibt es irgendwo Sonderabschreibungen? Oder ist der Einbruch einfach nur ein Mysterium? An den heimischen Zuckerfabriken kann es jedenfalls nicht liegen. Hier gibt es eher einen Investitionsstau.

Früher war bekanntlich alles besser. Ein Vorteil der Zuckergiganten bestand schlicht darin, dass sie sich um Marktverhältnisse nie wirklich kümmern mussten. Hauptaufgabe der Funktionäre war vielmehr die intensive Bearbeitung und Steuerung willfähriger Politiker. Man erinnert sich an die berüchtigten parlamentarischen Abenden oder "Informationsreisen", bei denen ganz undiskret Politiker eingenordet und auf Linie gebracht wurden. Der Erfolg kann sich sehen lassen, und nur darauf kommt es an. Die Öffentlichkeit subventionierte die Rübenbauern und ihre Konzerne, ohne dass dies in den Agrarhaushalten sichtbar wurde. Ein kleiner aber exklusiver Teil der Bauern profitierte von einem politisch geschützten System in Form extrem attraktiver Deckungsbeiträge und die Konzerne fuhren gigantische Gewinne ein.

Ein zu enger Kontakt zu steuerbaren Politikern kann allerdings gelegentlich zu kriminellen Handlungen verführen. Über Jahre hinweg haben Südzucker, Nordzucker sowie Pfeiffer & Langen die ohnehin stark eingeschränkten Marktverhältnisse bei Zucker ganz ausgehebelt, indem sie den Wettbewerb durch Absprachen nahezu ausschalteten. Als die Sache brenzlig wurde, hat Nordzucker sich rasch mit Verrat beim Kartellamt weitgehend freigekauft und die anderen mussten kräftig Strafe zahlen. Der Löwenanteil mit 195,5 Mio. € fiel auf die Südzucker AG. Solche Sümmchen freilich zahlt der Zuckergigant aus der Portokasse. Deshalb gab es auch kein Zögern. Das Urteil wurde umgehend akzeptiert. Den Zuckerbossen war ihre Unredlichkeit womöglich gar nicht bewusst. Schließlich gehören die Regeln der Marktwirtschaft nicht unbedingt zu ihrer Stellenbeschreibung.
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