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Dr. Jürgen Struck zu Verbrauchereinstellungen

Es begab sich in der Vorweihnachtszeit 2013. Festmenüs wurden geplant. Ein Mitbürger/Verbraucher fragt einen ihm bekannten Waidmann, ob er ihm eine Rehkeule für die Feiertage verkaufen könne. „Nein, im Moment hab' ich keine", sagte dieser. Aber er plane noch ein Reh zu schießen. „Wie - Sie wollen dafür ein Reh erschießen?  Dann will ich keine Keule, und überhaupt ....". Diese kürzlich von einem Schweinehalter auf der ISN-Mitgliederversammlung erzählte Anekdote bringt viele der Probleme der Öffentlichkeit im Umgang mit Fragen zur Tierhaltung auf den Punkt.

Verbraucher wollen sich wohlfühlen - das ist ihr gutes Recht und das sollen sie. Aber auch alles andere, einschließlich der Tiere - sollten sich wohlfühlen, möglichst immer, und überhaupt ..., so die verbreitete Einstellung. Die Verdrängung der realen Welt wird zum Bestandteil des psychischen Wohlbefindens. Wer dagegen verstößt, indem er Dinge beim Namen nennt, Zusammenhänge transparent macht oder sogar daran beteiligt ist, läuft Gefahr, geächtet zu werden.

Apropos Transparenz: Dänemark im Februar 2014. Der Zoodirektor in Kopenhagen entschließt sich zu einer spektakulären Aktion. Aus fachlich-sachlichen Gründen soll der junge Giraffenbulle Marius aus der Zucht in Zooanlagen ausgeschlossen werden. Ein international gängiges Verfahren, um, wie in diesem Fall, Inzuchtdepressionen zu vermeiden. Neu bei der Aktion war jedoch die Transparenz, mit der der Ausschluss vollzogen wurde. Vor den Augen der Zoobesucher wurde Marius mit dem Bolzenschussgerät betäubt, geschlachtet und fachgerecht zerlegt. Anschließend wurde er an die im Zoo lebenden Löwen verfüttert. So konnte diesen vielleicht eine Teilillusion vom Leben in der Wildnis vermittelt werden, was ihrem Wohlbefinden dienen könnte. Giraffe gibt es nicht jeden Tag für Löwen im Zoo, meistens stammt das Fleisch vom Rind, manchmal vielleicht vom Pferd. Und der nachhaltigen Ressourcennutzung wurde auch entsprochen.

Wäre Marius entsprechend der Forderung vieler Protestierender in die Freiheit der Savanne entlassen worden, hätte ihn das Schicksal auch dort ereilt. Auch dort wäre er, die untrainierte Zoogiraffe, letzten Endes zum Opfer der Löwen geworden. Die Öffentlichkeit jedoch hätte davon nichts mitbekommen und wäre in ihrem Wohlgefühl nicht beeinträchtigt worden.  Über den pädagogischen Ansatz der Wissensvermittlung kann sicher diskutiert werden, kompatibel mit gesellschaftlichen Vorstellungen war er sicher nicht. Aber genau darum ging es dem Zoodirektor. Er wollte die Realität darstellen, möglichst transparent. Mit heftigen Reaktionen hatte er gerechnet. So geschah es dann auch, sie gipfelten in Morddrohungen.

Kurz erinnert sei an dieser Stelle noch an den Bären Bruno. Er drang im Jahr 2006 aus Italien kommend in das österreichisch-deutsche Grenzgebiet ein. Nun besitzen Bären in der Öffentlichkeit sicher ein positives Image. Aber derart große Bären? Kurzerhand wurde Bruno vom Bär zum Problembär verwandelt. Eine Risikoeinschätzung führte schließlich dazu, dass er im Sinne des Verbraucherschutzes erlegt werden sollte. Im Juni 2006 ging Bruno in die ewigen Bärengründe ein.

Über Wohlgefühl des Einen oder Anderen lässt sich wahrlich gut debattieren.  Es ist immer abhängig von der jeweiligen Sichtweise und eigenen Bedürfnissen. Dabei ist es leicht, anderen, die an der Umsetzung notwendiger Prozesse in verantwortlicher Weise beteiligt sind, eine zumindest moralische Schuld zuzuweisen. Und allein dies erzeugt bei manchem ein großes Wohlgefühl der Überlegenheit.  Die Anderen wiederum müssen und können damit leben.
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