Horst Hermannsen zur Agrarwende der Grünen

Es wurde aber auch Zeit! Seit ihrem jüngsten Parteitag haben die Grünen endlich wieder mal ein Thema, das die Partei nicht spalte sondern eint. Dabei geht es ums Ganze, hieß es mit beschwörendem Unterton in Hamburg. „Um die Ernährung aller Menschen mit guten Lebensmitteln und um globale Gerechtigkeit, um Klimaschutz und Artenvielfallt um eine gesunde Umwelt und den ethischen Umgang mit Tieren."

Wie erreicht man so hehre Ziele? „Agrarwende“ heißt die Zauberformel. Aber hatten wir das nicht schon während der rot-grünen Regierungszeit 1998 - 2005? „Klasse statt Masse“, so kündigte die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast eine radikale Neuausrichtung der Landwirtschaft an. Dazu favorisierte sie einen ökologischen Umbau der Landwirtschaft. Nach ihrem Willen sollte der Anteil des Ökolandbaus von 2,5 auf 20 Prozent gesteigert werden. Sie wollte sich für die Abschaffung sogenannter Agrarfabriken einsetzen und kleinere Betriebsgrößen fördern. Damit seien ähnliche Skandale wie die BSE-Krise oder die Maul- und Klauenseuche zu verhindern.

Die Perspektive der grünen Frontfrau hieß „ökologische und regionale Produktion“. Aber aus dem ganz großen Wurf wurde nichts und die Agrarwende fuhr gegen die Wand. Schuld daran sind die uneinsichtigen Konsumenten. Sie kaufen in ihrer Mehrheit lieber bei Aldi, Lidl & Co als im Bio-Laden. Und manchen nervte schon damals der Gemüsefaschismus ökotrunkener Biosupermarkt-Eltern und ihre herablassende Haltung gegenüber Menschen, die auch mal eine Tiefkühlpizza auftauen.

Künftig soll das alles anders und jedenfalls besser werden. So feiert die Grüne Partei den Umstand, dass sie mit ihren bundesweit sechs für Ernährung und Verbraucherschutz zuständigen Ministern demonstrieren kann, für wie wichtig sie das Thema Agrarwende hält. Sie hat darüber hinaus Verbündete: Noch nie gab es eine Freizeitgesellschaft, so übersättigt, so urban und so weit von der Urproduktion Landwirtschaft entfernt. Zugleich gab es noch nie so viel selbsternannte, grün angehauchte Tierversteher sowie Ernährungs- und Agrarexperten in Medien, Kirchen, Schulen, Kindergärten, Fitnessstudios, Yoga- und Selbstfindungsgruppen oder in Vereinigungen für alleinerziehender Väter/ Mütter.

Sie alle geben Landwirten, Verbrauchern, ja selbst dem Ernährungsgewerbe Ratschläge, wie man sich korrekt zu verhalten hat. Am liebsten würden sie eine Art Gebrechlichkeitspflegschaft, eine bürokratische Rundumbetreuung für jedermann einführen. Aber wie passt da der Leitantrag des Bundesvorstandes auf dem Parteitag in Hamburg mit dem kryptischen Titel: „Freiheit Grün Gestalten“? Nun, man hat gelernt. Die spießig gewordene Zwangsbeglückungspartei mit ihren Geboten und Verboten möchte nach schmerzhaften Niederlagen jetzt den Eindruck von Liberalität vermitteln. Mit neuer Rhetorik soll aber lediglich der Prozess inhaltlicher Entleerung kaschiert werden.

Und doch steuern die Grünen mehr und mehr die richtungslose Politik fast aller Parteien. Man kann wählen, was man will, die Grünen sitzen anschließend als Juniorpartner mit im Kabinett und stellen im Extremfall den Agrarminister. Noch schlimmer ist es freilich, wenn Sozialisten mit schwarzen Parteibüchern versuchen, die Grünen links zu überholen.
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