Arne Löffel über Biosprit

Deutschland hat E10 verpennt

Gruselgeschichten über Biosprit halten sich bis heute hartnäckig. Die Industrie hat eine zweite Chance beim anstehenden Debüt von E20 alles besser zu machen.

Dramen spielten sich ab, damals im Januar 2011: Mit Angstschweiß auf der Stirn und zitternden Händen führen bundesdeutsche Kraftwagenfahrer zum ersten Mal ein Zapfventil mit der Aufschrift „Super E10“ in den Tank ihres geliebten Autos ein. Dabei sind sie von allen Seiten vor diesem Teufelsgebräu aus Ottokraftstoff und Bioethanol gewarnt worden. Von der Mineralöllobby, den Automobilkonzernen und nicht zuletzt vom Tankwart. Keiner will Verantwortung für die Verträglichkeit des neumodischen Ökospinner-Benzins übernehmen. Und das bei den sicherheitsliebenden Deutschen. Gruselgeschichten von sich zersetzenden Gummidichtungen, völlig unbrauchbaren Motoren und exorbitant teuren Reparaturen machen die Runde.

Trotzdem sind auch ein paar Unerschrockene unter den Autofahrern: Mit einer Mischung aus Sparsamkeit, Umweltbewusstsein und Todesverachtung drücken sie dann doch den Abzug und lassen an Tankstellen überall im Land den damals neuen Ottokraftstoff mit bis zu zehn Prozent Bioethanol in die Eingeweide ihres Fahrzeugs rauschen. Und in 99 Prozent der Fälle passiert – nichts. Also nichts, was nicht geplant gewesen wäre. Das Auto läuft und läuft und läuft. Kennt man ja von früher.  

Trotzdem halten sich die Gruselgeschichten bis heute hartnäckig. Noch immer wird kein Tankstellenbetreiber ein lockeres „passt schon“ über den Hof rufen, wenn er von einem Kunden nach der E10-Verträglichkeit gefragt wird. Dementsprechend unterdurchschnittlich performt der Biosprit an den deutschen Tankstellen. Trotz der Steuererleichterung liegt der Marktanteil von E10 in Deutschland bei gerade mal 13 Prozent – in Belgien hingegen bei 80 Prozent. Dabei fahren Belgier auch keine grundlegend anderen Autos als die Deutschen und von einem völligen Kollaps des Individualverkehrs aufgrund der alles zersetzenden Wirkung von E10 hätte man auch im fernen Deutschland gewiss gehört.

Offenkundig ist das alles also eine Frage des Marketings. Deutschland hat die Einführung von E10 kommunikativ in den Sand gesetzt. Aber vielleicht wird ja beim bald anstehenden Debüt von E20 alles besser. Und ja, liebe Skeptiker: Da ist doppelt so viel Bioethanol drin wie in diesem E10. Also noch mehr Teufelszeug und noch weniger verlässliche fossile Brennstoffe. Dafür gibt’s aber eine neue Legende, die im Kontext von E20 erzählt werden kann. Man munkelt, dass der Spritverbrauch gegenüber Super 95 steigen wird, aber damit auch die Motorleistung. Und das ist bei den bundesdeutschen Kraftwagenfahrern schon immer gut angekommen.

stats