Axel Mönch zum Zukunftsthema Pflanzenschutz

Die EU-Kommission muss nachsitzen

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Oberflächlich betrachtet sieht es wie ein Punktsieg der EU-Mitgliedstaaten aus: Sie haben mit großer Mehrheit die EU-Kommission mit ihrem Vorschlag zur Reduzierung des chemischen Pflanzenschutzes (SUR) in die Schranken gewiesen.

Die Kommission soll zunächst eine weitere Folgenabschätzung vorlegen und genauer prüfen, wie sich eine Halbierung heutiger Wirkstoffe auf die Erträge, die Versorgung und die Importabhängigkeit auswirken werden.

Der vermeintliche Punktsieg der EU-Mitglieder ist bei genauerem Hinsehen aber keiner. Die Staaten spielen auf Zeit. Neue Erkenntnisse sind von einer weiteren Folgenabschätzung kaum zu erwarten. Ein Ertragsrückgang im Getreideanbau von rund 10 Prozent durch eine Halbierung des chemischen Pflanzenschutzes bis 2030 bleibt eine von verschiedenen Universitäten veranschlagte Richtgröße.

Auch wenn Deutschland, Frankreich und Spanien auf eine Fortsetzung der SUR-Verhandlungen drängen, ist fraglich, ob der EU-Agrarrat insgesamt weitermachen will. Fest steht, dass die Position der EU-Kommission weiter geschwächt wird, indem die Mitgliedstaaten entgegen den üblichen Gepflogenheiten in Brüssel ihr eine Art Strafarbeit aufbürden.

Dabei ist die Kommission ohnehin schon klein mit Hut. Entscheidende Zugeständnisse machte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides bereits im Vorfeld, indem sie auf ein Verbot von gefährlichen Wirkstoffen in Landschaftsschutzgebieten verzichtet.

Anstatt zu mauern, wären die Mitgliedstaaten gut beraten, mit einer ungewöhnlich kompromissbereiten EU-Kommission und mit dem Europaparlament gangbare Wege für die Verminderung des chemischen Pflanzenschutzes zu beraten.

Vor einer kritischen Öffentlichkeit würde die EU-Agrarbranche jedenfalls punkten, wenn sie sich dem Zukunftsthema stellt und das Bekenntnis zur Reduzierung nicht zum Lippenbekenntnis verkommen lässt.

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  1. DI Adolf Wallner
    Erstellt 16. Dezember 2022 17:23 | Permanent-Link

    Sehr geehrter Herr Mönch,

    ich gratuliere Ihnen zu diesem Artikel. Ich sehe das nämlich genauso wie Sie, es wäre jetzt ein proaktiver Umgang angebrachter als das Verhindern, Verschieben und Mauern. Es sind schon zu viele Fehler in puncto Kommunikation in der Vergangenheit gemacht worden. Der Konsument sollte verstehen, dass es ohne Pflanzenschutz nicht möglich sein wird die Ernährung in der EU sicherzustellen und die zunehmenden Herausforderungen im Bereich des Pflanzenschutzes zu lösen. Nachhaltigere und natürlichere Lösungen werden gefordert und sollten rascher entwickelt und am Markt eingeführt werden. Wir stehen vor einem Momentum, dem sich junge Landwirte im Bereich Ackerbau und Spezialkulturen auch voll uns ganz bewußt sind. Wir schaffen das gemeinsam, aber es gehört Mut und der Blick nach vorne dazu. Natürlich braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen. Es darf keinesfalls eine Lücke entstehen, dass die gefährlichen synthetischen Pflanzenschutzmittel rascher entregistriert werden und die natürlichen Lösungen des biologischen Pflanzenschutz noch nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung stehen werden. Und dann vielleicht Lebensmittel in die EU importiert werden, deren Produktionsrichtlinien nicht in Einklang mit den hohen EU Standards stehen. Leider geben in vielen Mitgliedstaaten noch die älteren Vertreter in den Bauernverbänden und in der Landwirtschaft den Ton an und noch nicht die junge Generation der Landwirte, die sich diesem Thema viel offener und proaktiver stellen würden. Bestimmt sollten Teile der der SUD angepasst werden, aber es sollte nicht das Ganze verworfen und verschoben werden, das wird und will der Konsument dann bestimmt nicht verstehen.

  2. Konrad Butschek
    Erstellt 16. Dezember 2022 19:06 | Permanent-Link

    Wenn die Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes um 50% nur 10% Ertragseinbussen zur Folge hätte, wäre das längst Standard. Mit unseren Pflanzenschutzämtern haben wir eine praxisnahe Beratung, die uns etwas anderes sagt. Sollte man jedoch z.B. die Mittelwahl weiter so einschränken, dass Wirkstoffwechsel nicht mehr möglich sind um Resistenzen zu vermeiden, kann man so etwas in den verbleibenden 7 Jahren vielleicht noch erreichen.

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