Axel Mönch zur EU-Agrarpolitik

Kritik am Green Deal ist überzogen

az
Artikel anhören
:
:
Info
Abonnenten von agrarzeitung Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

In der Debatte um die „Farm-to-Fork“-Strategie lässt sich eine zunehmende Dünnhäutigkeit der Beteiligten in Brüssel bemerken.

Allein der Zeitpunkt für die Präsentation einer Folgenabschätzung wird zum Politikum. Der EU-Kommission lag zwar schon im Januar eine Studie ihres wissenschaftlichen Dienstes – des Joint Research Centers (JRC) – vor, die sie aber erst im August veröffentlichte. Der Europäische Bauernverband Copa/Cogeca unterstellt nun der EU-Kommission, sie habe Informationen bewusst zurückgehalten, um die Kritik an ihrer „Farm-to-Fork“-Strategie nicht noch stärker anzufachen. EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski begründet die Verspätung damit, dass die JRC-Studie keine umfassende Bewertung der Strategie sei, sondern nur Teilaspekte berücksichtige.

Das ist eine schwache Begründung. Die Veröffentlichung der Studie in der ruhigen Sommerpause erweist sich ebenfalls als taktischer Fehler. Denn durch die von Copa/Cogeca beklagte Vertuschung findet die Studie nun umso mehr Beachtung. Doch auch der Europäische Bauernverband bewegt sich teils auf dünnem Eis, wenn er mithilfe der JRC-Studie die Verantwortlichen hinter der „Farm-to-Fork“-Strategie in die Schranken weisen möchte. Die Studie kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass sich Ökonomie und Ökologie innerhalb der „Farm-to-Fork“-Strategie sehr wohl miteinander vereinbaren lassen.


Die geforderte Verringerung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln wird zusammen mit der Ausdehnung der Flächenstilllegung und des Biolandbaus die Produktion von Getreide, Ölsaaten, Milch und Fleisch um rund 15 Prozent einschränken. Die Minderproduktion führt aber zu einem Preisanstieg für Fleisch zwischen 20 und 40 Prozent, meinen die Verfasser der JRC-Studie. Der Getreidepreis zieht wegen der Umweltauflagen um 10 Prozent an. Folglich schmälert die Strategie trotz der verminderten Produktion kaum die Einkommen der Erzeuger.

Lediglich die Ackerbauern müssen leichte Verluste hinnehmen, wohingegen die Viehhalter ihre Gewinne mit der grünen Wende sogar steigern können. Vor allem die Schweineerzeuger profitieren nach den Ergebnissen der Folgenabschätzung. Daran sollte auch der Copa Gefallen finden und die Studie nicht zum Warnsignal gegen die „Farm-to-Fork“-Strategie umdeuten. Die landwirtschaftlichen Betriebe können also wirtschaftlich bestehen, selbst wenn sie deutlich weniger Treibhausgase ausstoßen.

Aus der JRC-Studie kann man noch mehr lernen. Während die Verringerung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln und der Ausbau des Biolandbaus sich weniger auf den Ackerbau auswirken, hinterlässt die Flächenstilllegung deutliche Spuren. Ob es im agrarökonomischen Sinn nicht schonendere Maßnahmen gibt, sollte kritisch geprüft werden.

  1. Armin Rathjen
    Erstellt 16. Oktober 2021 16:15 | Permanent-Link

    Es ist nicht so, dass die Verringerung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln sich weniger auf den Ackerbau auswirken. Warum sonst weisen Agrarstatistiken immer wieder einen erheblichen Unterschied in der Höhe des durchschnittlichen Ertrages je Hektar zwischen konventioneller und ökologischer Wirtschaftsweise aus?

    In den "großen" Kulturen (Getreide) erreichen die ökologisch wirtschaftenden Betriebe nur etwa halb so hohe Erträge wie ihre konventionell wirtschaftenden Berufskollegen.

    "Ökolandbau.de" schreibt dazu auf seiner Internetseite am 13.11.2020:

    Zitat: " Erträge im biologischen und konventionellen Landbau
    Bei Getreide ernten Bio-Landwirtinnen und -landwirte die Hälfte

    Die Bio-Landwirtinnen und Bio-Landwirte in Deutschland ernteten im Durchschnitt der Jahre 2012 bis 2019 rund 48 Prozent der Erntemenge der konventionellen Kolleginnen und Kollegen. Im Ackerbau und dort vor allem auf schweren Böden sind die Ertragsunterschiede zwischen ökologisch und konventionell wirtschaftenden Landwirtschaftsbetrieben am größten."
    Zitat Ende.

    Diese große Ertragswirkung einer Agrarpolitik, die Ackerbauern zur Extensivierung zwingt, muss bedacht werden!
    Vor dem Hintergrund zunehmenden Hungers in der Welt ist politisch verordneter Ertragsverzicht bei Rohstoffproduktion für Grundnahrungsmittel nicht zu verantworten!

stats