Bernhard Vetter zur Gasmisere

Nägelkauen für Putin?

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Die deutsche Chemieindustrie und damit auch die Düngemittelhersteller sind die größten Gasverbraucher in Deutschland. In der Nahrungs- und Futtermittelbranche wird zwar deutlich weniger Gas verbraucht, dafür ist dort dessen Anteil am Energiemix besonders hoch.

Das ist deshalb von Bedeutung, weil russisches Gas immer noch einen Marktanteil von etwa 30 Prozent hat, auch wenn dieser schnell schmilzt. 2020 waren wir noch bei 65 Prozent, insofern ist das ein riesiger Fortschritt.
 
Gas zu ersetzen bleibt aber für viele Unternehmen schwierig. So ist etwa die Maistrocknung auf den rückstandsfreien Abgasstrahl von Erdgas optimiert. Trotzdem werden nun einige dieser Anlagen wohl oder übel auf Heizöl umgestellt. Das Gleiche passiert in der Milchbranche, wo man die Ölbrenner teils noch als Ersatz für Wartungsphasen aufgehoben hat.
 
Der fossile Schlenker ist grundsätzlich bedauerlich, vor allem hinsichtlich der besonders dreckigen Braunkohle, denn eigentlich sollten wir uns ja längst auf einem Pfad der CO2-Reduktion befinden. Aber er ist vorübergehend akzeptabel. Mit Betonung auf vorübergehend.
 
Nicht akzeptabel ist dagegen, dass manche Spin-Doktoren mit Kernkraft-Affinität bereits wieder Zweifel an der Energiewende säen und am liebsten gleich den ganzen Atomausstieg rückabwickeln würden. Über die dahinterstehenden Motive kann man allenfalls spekulieren. Klar ist nur, dass sich Bayern mit seiner Windrad- und Stromtrassen-Verhinderungspolitik letzten Endes selbst am meisten geschadet hat.
 
Doch ein Rückwärtssalto ist jetzt nicht das Gebot der Stunde. Zwar müssen wir für die kommenden Monate und möglicherweise sogar für den Winter 2023/24 alles aus der alten Möhre herausholen, die mal unser vermeintlich bequemes Energieversorgungssystem aus fossilen Zeiten war. Und dazu gehört meinetwegen auch der Streckbetrieb für die drei noch aktiven Atommeiler.
 
Aber Zukunft kann doch nicht etwas haben, das nicht nachhaltig ist. Das zeigt gerade auch wieder der Erdüberlastungstag am Donnerstag dieser Woche. Vielleicht ist der Drang, etwas zu verbrennen, inzwischen tief in unseren Genen eincodiert. Das könnte das Nägelkauen angesichts des drohenden Gasausfalls erklären. Doch es spielt letztlich nur Putin in die Karten.
 
Es ist deshalb richtig und geboten, dem russischen Gas seine Macht zu nehmen. Der Kreml-Herrscher wirkt mit seinen Groß-Russland-Fantasien nämlich inzwischen selbst wie ein Fossil aus Urzeiten.
 
Die Unternehmen haben erkannt, dass sie auch noch das letzte Gas-Einsparpotenzial aus ihren Prozessen herauskitzeln müssen – auch in den Branchen, die im pauschalen Einsparziel der EU von 15 Prozent ausgenommen werden sollen. Auf der Gewissheit, systemrelevant zu sein, kann und sollte sich niemand ausruhen.
 
Aber wenn in diesem, vielleicht auch erst im nächsten Jahr das letzte russische Gas aus den Pipelines geflossen sein wird, sollten wir aufstehen und unseren perfekt manikürten Mittelfinger gen Osten recken.

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