Stefanie Pionke zum Jahrestag des 1. Corona-Lockdowns

Bilanz des Ausnahmezustands

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Am Freitag, den 13. März 2020, hatte die Bundesregierung den ersten Corona-Lockdown in Deutschland verhängt. Man muss nicht abergläubisch sein, um die Symbolhaftigkeit dieses Datums zu erkennen.

Denn die Corona-Pandemie ist eine Zäsur. Sowohl im wirtschaftlichen als auch im gesellschaftlichen Leben hat sie viele Selbstverständlichkeiten vorerst ausgesetzt. Der zumindest im europäischen Kulturkreis übliche Handschlag zur Begrüßung – bis auf Widerruf Geschichte. Die Umarmung unter Freunden sowieso. Und wer kennt nicht diesen Reflex, der beispielsweise beim Schauen von Filmen aus der Vor-Corona-Zeit einsetzt: Spielen Szenen in einer gut besuchten Bar, in der die Gäste dicht an dicht am Tresen stehen, ruft der innere Ordnungswächter: „Hey, was ist mit den Abstandsregeln?“. Zeigen Nachrichtenformate Archivaufnahmen vergangener Pressekonferenzen, fragt man sich, warum um alles in der Welt Journalist:innen und Politiker:innen in einem Raum physisch zusammenkommen – und das auch noch ohne Maske.

Neue Alltagssprache

Ganz zu Schweigen vom Sprachgebrauch: Ob Inzidenz, Übersterblichkeit, R-Wert oder Hygienekonzept: Vor Corona sind diese Begriffe den gemeinen Bürgern wohl kaum so selbstverständlich über die Lippen gekommen wie heute.

Dann die Transformation vom Analogen ins Digitale: Unternehmen, Schulen und andere öffentliche Bildungseinrichtungen wurden quasi über Nacht zwangsdigitalisiert. Digitale Konferenzen sind heute so selbstverständlich wie früher Zusammenkünfte im analogen Meeting-Raum mit Flipchart. Diskussionsforen und Kongresse sind ebenfalls in die virtuelle Sphäre überführt worden. Viel Kreativität haben Betriebsmittelanbieter, Landhändler und andere Akteure der Agrarwirtschaft gezeigt, um Wintertagungen, Messen und sogar Feldtage zu digitalisieren. Das alles hat Grenzen, aber funktioniert besser, als manch einer im Februar 2020 überhaupt zu träumen gewagt hätte.

Schausitzen im Büro war gestern

Kommen wir zu „New Work“: Die schöne neue Arbeitswelt nach Corona wird zur Ergebnis- statt Präsenzkultur. Schausitzen im Büro, um einen eifrigen Eindruck bei Vorgesetzen zu hinterlassen, war gestern. Zumindest in den Berufen, in denen Homeoffice und frei einteilbare Arbeitszeiten möglich sind. Geschlachtet wird zwar weiterhin analog, die Ernte lässt sich ebenfalls schwer virtuell erfassen, und das Verkaufspersonal in Supermärkten muss auch persönlich zugegen sein. Doch in allen anderen Bereichen befördern Digitalisierung und Homeoffice eine längst fällige Hinterfragung und Flexibilisierung alter Muster.

Doch der Innovations- und Transformationsschub ist nur die eine Seite der Medaille. Der Lockdown hat zahllosen Unternehmerinnen und Unternehmern buchstäblich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Schließen Cafés, Kantinen und Brauhäuser sowie Restaurants, leiden ganze Wertschöpfungsketten. Davon können Bierbrauer, Vermarkter und Erzeuger von Verarbeitungskartoffeln sowie Schweinehalter, neben vielen anderen, ein trauriges Lied singen.

Verödung der Stadt- und Dorfzentren voraus?

Die Frage ist zudem, was die Schließungen von weiten Teilen des Einzelhandels und der Gastronomie sowie des Veranstaltungsgewerbes mit den Stadt- und Dorfzentren, und somit dem Stadt- und Dorfleben machen. Verödet das öffentliche Leben und bleiben wir alle auf die private Sphäre zurückgeworfen? Dauerhaft können sich das wohl nur die introvertiertesten aller Zeitgenossen wünschen.

Ein weiterer Aspekt: Erhöht die Pandemie die Wertschätzung für regionale Lebensmittel und Lieferketten, ist das zwar für hiesige Landwirte sicher auch eine gute Nachricht. Aber wenn dadurch Abschottungstendenzen freie Märkte dauerhaft in Frage stellen sollten, wäre das ein schlimmer Kollateralschaden der Pandemie. Ganz zu schweigen vom menschlichen Miteinander über Landesgrenzen hinweg.

Wird die Welt „nach Corona“ dauerhaft eine andere sein? Zumindest werden einige Bereiche zu einer neuen Balance finden müssen – allen voran gilt das für das Gleichgewicht zwischen analog und digital.

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Coronavirus
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