Von kochender Klöckner und Corona

Wehe, wenn sie losgelassen...


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Die Bundesagrarministerin kocht mit Lafer und erntet Hohn, Spott und handfeste Kritik. Hoffentlich haben die Bürger mehr Geschick beim Umgang mit den Corona-Lockerungen als die Ministerin bei der Planung ihrer PR-Termine. 

Persönliche Zusammentreffen mit Menschen außerhalb der Kernfamilie hatten zumindest zum Zeitpunkt der Ausstrahlung der Kochshow von Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) und dem Starkoch Johann Lafer auf Bild.de am vergangenen Wochenende Seltenheitswert. Auf dem Terminkalender der Leitung des Bundeslandwirtschaftsministeriums war diese Kochshow der einzige Eintrag. Man sollte also meinen, die Ministerin und ihr Kommunikationsstab hätten sich gut überlegt, ob Klöckner wirklich im Sicherheitsabstand zu dem Fernsehkoch eine Pfeffermühle in die Kamera schwenken sollte – gerade, weil solche Präsenztermine zu Zeiten von Kontaktbeschränkungen den Charakter der Exklusivität genießen. Wehe, wenn Sie losgelassen wird, kann man da nur sagen.

Aber mal völlig losgelöst von der Frage, ob man Fernsehköchen im Allgemeinen oder Johann Lafer im Besonderen etwas abgewinnen kann: Der Auftritt der Ministerin war aus mehreren Gründen verfehlt. Familien, deren Kinder wegen Corona-Beschränkungen nicht in die Schule oder Kita gehen dürfen, haben sicherlich andere Sorgen als die Zubereitung von günstigen Mehrgänge-Menüs. Als da wären: Vereinbarkeit von Beruf und Familie, adäquate Teilhabe am virtuellen Heimunterricht und – in den schlimmsten Fällen – häusliche Gewalt. Die „Frikadelle Surprise“ mit eingearbeitetem Mozzarella, Klöckners Highlight in der Kochshow, ist wohl kaum eine Antwort auf diese drängenden politischen Fragen. 

Nun mag der geneigte Leser einwenden, dass Klöckner weder Bildungs- noch Sozial- noch Familienministerin ist. Stimmt. Aber dennoch: Falls ihr einer von den vorgenannten Kabinettskollegen zu diesem Auftritt geraten haben sollte, wollte er oder sie ihr mit Sicherheit nichts Gutes. Denn kommen wir zum nächsten Punkt: Der Vorwurf der Schleichwerbung. Die Bild.de-Kochshow wurde – darüber haben sich Netzwelt und Opposition ausführlich mokiert – von der Supermarktkette Kaufland gesponsert. Kurze Rückblende zum Sommer 2019 und dem Twitter-Video, in dem Klöckner gemeinsam mit Nestlé-Deutschland-Chef Marc-Aurel (was für ein Name!) Boersch für weniger Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten warb. Schon damals brach ein Shitstorm über die Ministerin herein. Es gingen mehrere Beschwerden wegen Schleichwerbung bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg ein. Die Institution sah in dem Video zwar keine Wirtschaftswerbung. Doch der Imageschaden für Klöckner blieb. Offenbar hat sie nichts daraus gelernt. Die Bekundungen des Ministeriums, das Sponsoring der Lafer-Show sei zum Zeitpunkt der Aufzeichnung und Ausstrahlung nicht bekannt gewesen, wirken bestenfalls hilflos.

Nun winken den gestressten Eltern im Homeoffice Lockerungen bei den Corona-Beschränkungen. Und auch Gaststätten öffnen langsam wieder. Die Brut kann also vom Homeoffice in den Biergarten verfrachtet werden und dort eine Portion Pommes, Würstchen oder was auch immer vertilgen. Es lockt also wieder die Freiheit, auch wenn Sicherheitsabstände bleiben. Wehe, wenn sie – also die Corona-Beschränkungen – losgelassen werden?

Ja und Nein. Die Menschen lechzen nach Lockerungen, das ist mehr als verständlich. Doch wie sollen Gastwirte in besagten Biergärten in der Praxis mit steigendem Alkoholkonsum gewährleisten, dass alle brav Abstand halten und außer mit der Kernfamilie und ausgewählten Sozialkontakten keine Grüppchen bilden? Sicher ist einkalkuliert, dass dies nicht überall funktionieren wird. Doch es bleibt zu hoffen, dass die Bürger im Umgang mit den Corona-Lockerungen mehr Geschick beweisen als Klöckner bei der Planung ihrer PR-Auftritte. Damit die Infektionszahlen nicht wieder in die Höhe schnellen und uns das kostbare Stück wiedergewonnene Freiheit nicht wieder abhanden kommt.

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  1. EU-Bauer Klaus1618
    Erstellt 8. Mai 2020 10:28 | Permanent-Link

    Die für unser BMEL im Nachgang extrem peinliche „KAUFLAND-LAFER-KLÖCKNER-LECKER“-PR-Schleichwerbung, nach der Nestlé-Show in dieser Legislaturperiode Klappe die Zweite, macht die Beteiligten in einer solchen Agitation vor ganz Deutschland jetzt peinlich nackig, wie wenig genau man es augenscheinlich mit einer sorgsamen Recherche im Vorfeld in diesem Ministerium hausintern nimmt. - Hmmh, solche Vorkommnisse kann/darf man jedoch nicht generalisieren. - Wirklich!?

    Nun, eine omnipräsente Gegebenheit allerdings, die für uns deutsche Bauern, hier explizit hervorzuheben die konventionelle Landwirtschaft, so überraschend neu nicht ist: Wie sonst hätte man inmitten einer weltweiten, noch immer ungeahnten Ausmaßes um sich greifenden Pandemiekrise, die in erster Linie das Bündeln aller politischen Kräfte an ganz anderer Stelle unverzichtbar machte - nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in einem zusammengerückten geeinten Europa - erheblich planlos anmutend im Hauruckverfahren eine inhaltlich nicht ausgereifte DüV-Novelle soeben mal zur vollkommenen Unzeit durchwinken wollen; ganz zu schweigen vom Agrarpaket, das unseren Herausforderungen infolge eines rasant voranschreitenden Klimawandels in keiner Weise überhaupt noch gerecht wird.

    Wenn künftig alle hungrigen Mäuler im wahr gewordenen trügerischen Agrar-Träumchen an den dürren Bio-Strohhalmen sodann begierigst knabbern müssen, wo infolge Trockenheit ohnedies weit weniger wächst, werden viele knurrende Wohlstandsbäuche wieder weitaus mehr Empathie in einer Reflexion des hungrigen Ichs entwickeln können, ein solches geißelndes Hungergefühl wird alles andere mit Sicherheit überlagern. Das (vor)„bild"lich jovial oberflächliche Kaufland-Lafer-Klöckner-Geplänkel rund um das sprichwörtlich spottbillige Drei-Gänge-Menue für nur 25 Euronen ruft sodann wohl eher den deutschen Wutbürger im Netz auf den Plan.

    Was zunächst als pfiffiger Job unserer Agrarministerin in der Funktion als apartes Werbemaskottchen für eine der reichsten Familien Deutschlands in ihren Arbeitsbereichen Verbraucherschutz und Nahrungsmittel mit riesigem(!) gedanklichem Spielraum für ein entsprechendes Taktgefühl in der Thematik anmutet, fällt dieser Politikerin hingegen im Sektor „Landwirtschaft“ wie ein Betonklotz auf ihre zarten Füße.

    Wenn wir schon einmal bei den Spottpreisen für unsere Nahrungsmittel sind: Ist Frau Klöckner im eigentlichen geläufig, dass jährlich 18 Mio. Tonnen dieser hochqualitativ wertvollen Erzeugnisse auf dem Biomüll landen, alternative Wertschöpfungen nichtsdestotrotz perfide mit Füßen getreten, noch immer weitgehend ignoriert werden, gerade und im Besonderen auch von unserem BMEL!?

    Übrigens, hochverehrte Frau Agrarministerin Klöckner, vor einem Münchner Gericht streiten sich aktuell um die 200 deutsche Mineralwasserverkäufer mit 16 bayerischen Kommunen um die kommerzielle Trinkwasserversorgung der Bürger, die lt. dem vorsitzenden Richter eine hoheitliche Daseinsfürsorge darstellt. Man streitet sich letztendlich auch um die Begrifflichkeit „gesundes Wasser“. Darum ist ein Wettbewerb entfacht dahingehend, warum der Verbraucher das teurere Mineralwasser überhaupt kaufen soll, wenn das Trinkwasser aus der Leitung weitaus billiger den allgemeinen Qualitätsansprüchen durchaus genügt.

    Mich persönlich aufhorchen ließ die überraschende Zahl, dass jeder Verbraucher jährlich kaum 150 Liter Mineralwasser konsumiert. - Und dafür, hochverehrte Frau Klöckner, sind Sie und Ihre Mitstreiter übereifrig bereit, in Generalhaftung unsere gesamte Pflanzenvielfalt auf dem Acker (ver)hungern zu lassen!?

    Ich würde mir wünschen, dass man im BMEL mit erfolgeich messbarem Tiefgang in alle erdenkliche Richtungen - eine geeignetere Öffentlichkeitsarbeit mit eingeschlossen - die gesamte Aufgabenbandbreite von Verbraucherschutz, Nahrungsmittel und LANDWIRTSCHAFT(!) künftig harmonischer in der Zusammenarbeit vernetzen könnte. Die COVID-19-Pandemiekrise hat hoffentlich mehr als überdeutlich zur Veranschaulichung beigetragen, dass auch eine ökonomisch gesunde deutsche Landwirtschaft unverzichtbar ist. Stichwort: SYSTEMRELEVANZ!

    Und getreu der Qualität dieser BMEL-Kochshow eine simple Feststellung im Abgang: Liegt der Bauer tot im Zimmer, dann schafft er nimmer! ;-)

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