Corona-Zeiten mit Kindern auf dem Land

Trügerisches Idyll


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 „Gut, dass wir wenigstens auf dem Land leben und noch ungestört mit den Kindern raus in den Garten, den Hof oder die Natur gehen können“, höre ich in diesen Tagen immer wieder. Bei privaten Telefonaten, bei der Recherche oder abends vor dem Fernseher wird gepriesen, wie schön es ist, in Corona-Zeiten zumindest noch die ländliche Idylle genießen zu können.

Merkwürdig, dass ich – mitten im Idyll wohnend –  aber vielmehr zu Alpträumen neige als den Start des Frühlings mit meinen Kindern zu genießen.

Einmal habe ich geträumt, dass meine beiden Jungs die steile Wiese neben unserem Hof mit ihrem Kettcar vermessen. Der achtjähre am Steuer, der sechsjährige als Sozius hinter ihm, beide ohne Helme, am Überrollbügel eine Kamera befestigt, damit die Schussfahrt auf der Wiese, die sich im Winter bestens zum Rodeln eignet, auch gebührend dokumentiert wird. Sie starten und ich kann sie aus der Entfernung nicht mehr aufhalten. Nach den anfänglichen Jubelschreiben höre ich noch ein hilfloses: „Ich kann nicht mehr bremseeeeen“, seitens des Fahrers. Er schafft gerade noch, den Weideschuppen zu umkurven. Doch der nächste Koppelzaun jenseits des Feldwegs ist nicht weit. Vor dem Zaun reißt mein Sohn das Steuer herum, das Kettcar kippt und schlägt hart auf dem Feldweg auf. Wie gelähmt kann ich das Geschehen nur beobachten. Nach dem „Touchdown“ ist kurz Stille. Ich will loslaufen und schaffe es vor Schreck nicht. Aus dem anfänglichen Gekichere entwickelt sich aber flugs prahlendes Lachen. „Wow, das war voll cool!“ und „Mama schau mal, die Kamera hat keinen Kratzer abbekommen.“  Ich kann nicht sagen, was überwiegt: Meine Wut oder meine Erleichterung? Aber eines merke ich: Ich wache nicht auf, sondern gehe zurück ins Büro und schreibe wortlos an meinem Text weiter.

Die aktuelle Corona-Krise mit Kindern im Kleinkind-, Kindergarten- oder Grundschulalter durchzustehen und dabei im Homeoffice zu arbeiten, wird auch für die Landbevölkerung zu einer echten Herausforderung, seit Schulen geschlossen und Sport- und Freizeitaktivitäten weitgehend eingestellt sind. Da braucht man keine Helikoptermutter zu sein, wenn man sich plötzlich Gedanken darübermacht, ob die Kinder auf Bäume klettern sollen, mit dem Mountainbike querfeldein jagen oder mit dem Pony die üblichen Runden drehen. Denn selbst kleine Stürze könnten zu einem viel größeren Problem werden. Den Weg ins Krankenhaus möchte man sich derzeit lieber ersparen.

Für viele Landwirte mit Kindern in diesem Alter muss die aktuelle Situation noch gravierender sein, fällt die meiste Arbeit doch zu Hause auf den Höfen - mitunter mit großem Gerät – an. Manche Landwirte verdrängen lieber, welche Gefahren auf Betrieben lauern. Aber innerlich wissen sie doch, was passieren kann und leider immer wieder passiert. Ich kenne Landwirte, die entspannter arbeiten können, wenn sie ihre Kinder in der Schule statt auf irgendwo auf dem Hof wissen.

Und was ist mit Social Distancing, wenn man mit drei Generationen die Arbeit auf dem Hof verrichten muss? Das kann dann nur Wunsch statt Wirklichkeit sein. Wenn meine Freunde zum Kohlschneiden oder Arbeiten im Schweinestall auf den elterlichen, gemeinsam geführten Hof fahren, dann können sie ihre Kinder nicht zu Hause lassen. Die Uroma passt auf die Urenkel auf und Eltern und Großeltern kümmern sich darum, dass der Betrieb weitergeht. Wie soll es sonst funktionieren?

Wer auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen ist, der kennt das Prinzip: Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen - wenngleich es sich auch manchmal verbinden lässt. Neben der Arbeit müssen die Eltern nun aber auch die Kinder bei Schulaufgaben anleiten. Selbst manche Musikschule bietet an, die Noten und Übungen als Datei per Mail zu senden. Das erhöht den Druck. Selbst wenn Landfrau und Landwirtin über einige Allround-Qualitäten verfügt – doch neben Stall, Büro und Haushalt nun auch noch viele weitere Tätigkeiten zu übernehmen, mag die ein oder andere an die Belastungsgrenze führen. Bei mehreren Kindern wird man vielmehr wegen Streitigeiten als Schlichter, bei Einzelkindern wegen der Langeweile als Spielkamerad eingebunden. Wohl denen, die die Nummer der Krisenhotline der Landwirtschaftlichen Sozialversicherung griffbereit haben.

Denn mitunter kommen Kinder auf merkwürdige Ideen, wenn sie zum Spielen allein auf den Hof geschickt werden. So geschehen in meinen jüngsten Alptraum. Zwar trug mein sechsjähriger Sohn kein Superheldenkostüm. Doch muss er sich wie einer gefühlt haben. Wie sonst ist zu erklären, dass er im Wäscheraum zwei grüne 20-Liter-Gießkannen mit Wasser füllte, die zusammen fast doppelt so viel wiegen wie er selbst. Als Superheld muss er ihm dann ein weitaus wichtigerer Auftrag untergekommen sein, als den Ponys Wasser zu bringen und vor allem – als den Hahn wieder zuzudrehen.

Die neuesten Entwicklungen deuten zwar an, dass die Schulen bald wieder öffnen könnten. Doch meine jüngsten Hoffnungen auf Normalität sind gestern jäh zerschmettert worden. Hessens Landeregierung plant, die Corona-Lockerungen mit der Wiederaufnahmen des Schulbetriebs bei den Abschlussklassen einzuläuten. Meine Jungs gehen in die erste und zweite Klasse. Und so sehe ich mich frierend und wortlos auf dem Hof stehen, während die beiden auf dem Schlitten die schneebedeckte Wiese runterrasen. Ob sie den Stopp vor dem Koppelzaun schaffen? Das bleibt diesmal Ihrer Phantasie überlassen.

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Coronavirus

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