Dagmar Behme zu Getreidebilanzen

Bitte endlich relevante Daten!

Die „erste europäische Getreidemarkt-Analyse“ preist die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) an. Welch ein Etikettenschwindel!

Wer aktuelle Zahlen zur deutschen Getreidebilanz sucht, sollte die Recherche in der deutschen Agrarstatistik unterlassen. Sie ist äußerst zeitaufwendig und oft erfolglos. Ohne solide Kenntnisse von Datenbankstrukturen und 8-stelligen Warennummern kommt man ohnehin nicht weit. Wer nicht jedes Detail wissen will, sondern eine vollständige Getreidebilanz braucht, landet in der Sackgasse. Bei der BLE endet die Fortschreibung zurzeit im Wirtschaftsjahr 2017/18. Im Frühjahr 2019 interessiert aber die aktuelle Saison 2018/19.

Diese 2018/19-er Bilanz findet sich seit Ostern endlich auch bei der BLE, zusammen mit Getreidebilanzen 2018/19 aus Frankreich und Österreich.

Die drei Zahlenwerke erlauben, so die BLE, „erstmals den Vergleich neutraler, zuverlässiger und repräsentativer Zahlen zu drei nationalen Märkten.“ Das ist, mit Verlaub, völliger Unsinn. Mit den Zahlen kann niemand etwas anfangen, der auf relevante Marktinformationen angewiesen ist. Die Vorschauen zu den drei Getreidebilanzen datieren alle aus dem November 2018 – und sind damit längst überholt. Wer will denn heute ernsthaft noch wissen, dass es in allen drei Ländern 2018 wegen Trockenheit eine kleinere Getreideernte gab? Wichtig ist doch vielmehr, wieviel dieser Mengen in den Futtermittelsektor und in den Export gegangen sind. Dazu sind im Internet längst aktuellere Zahlen abrufbar – Frankreich liefert monatlich neue Daten und bietet den Stand April 2019, das kleine Österreich bringt seine Bilanzen immerhin vierteljährlich auf den neuesten Stand und veröffentlicht momentan den Informationsstand Februar 2019. Und Deutschland als zweitgrößtes Getreideerzeugungsland der EU? Aktuelle und öffentlich zugängliche Vorschauen sind hier Fehlanzeige.

Die jetzt veröffentlichten Zahlen zu den Getreidebilanzen der drei Länder sind aber auch überhaupt nicht vergleichbar. Womit auch? Niemand will wissen, dass die französische Weizenernte 2018 größer war als die deutsche und die wiederum größer als die österreichische. Das ist immer so und allgemein bekannt. Dagegen fehlen in den jetzt veröffentlichten drei Bilanzen vollständig die Daten der Vorjahre, die üblicherweise – nebeneinander angeordnet – den Wert solcher Übersichten ausmachen. Denn erst die Veränderung zeigt die Bewegung in den Märkten. Das wissen Agrarmarkt Austria (AMA) und France AgriMer, die beide mehrjährige Bilanzen veröffentlichen. Besonders akkurat sind die Franzosen mit Schätzungen des laufenden Monats im Vergleich zur Vormonatsschätzung sowie den Bilanzpositionen der fünf Vorjahre. Schön wäre es, wenn die deutsche Agrarstatistik sich AMA oder France AgriMer als Vorbild für ihre eigenen Getreidebilanzen nehmen würde.

Seit 2015 steht die BLE zusammen mit den Schwesterbehörden AMA und France AgriMer in einer Kooperation, um gemeinsam Daten und Zahlen zu landwirtschaftlichen Märkten zu erheben, zu analysieren und zu veröffentlichen. Ein Nutzen für den Getreidemarkt ist bislang nicht erkennbar.

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