Dagmar Behme zu Fehlstellen im Pflanzenschutz

Abbruch statt Aufbruch


Vom Heilsbringer zum Sondermüll: Vorbei die Zeiten, in denen Pflanzenschutzhersteller regelmäßig Innovationen preisen durften. Stattdessen steht Räumungsverkauf an.

Pflanzenschutzberater und die Agrarredaktionen hatten früher viel zu stöhnen. Überschüttet wurden sie mit Informationen der Hersteller, die sich mit Superlativen zur Wirksamkeit und Pflanzenverträglichkeit ihrer neuen Produkte übertrafen. Dann kamen die Zeiten, als die Firmen die immer gleichen und als „bewährt“ angepriesenen Wirkstoffe in neuen Formulierungen als Nonplusultra ihrer Innovationstätigkeit präsentierten.  „Alter Wein in neuen Schläuchen“, ätzten die neutralen Beobachter da schon einmal.

Was waren wir alle so undankbar! Produkteinführungen sind weitgehend passé. Heute wäre allein die Zulassungsverlängerung eines bewährten Pflanzenschutzmittels eine Neuheit. Stattdessen meldet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) fast im Wochentakt Widerrufe bestehender Zulassungen, weil die in den Pflanzenschutzmitteln enthaltenen Wirkstoffe in der EU nicht länger genehmigt werden. Nach und nach werden Herbizide, Fungizide und Insektizide sowie Beizmittel aus den Regalen des Handels und der Landwirte verbannt. Denn nach Ablauf von Abverkaufs- und Aufbrauchfristen verwandeln sich die teuer bezahlten Pflanzenschutzmittel in Sondermüll, der dann noch mit zusätzlichen Kosten entsorgt werden muss.


Leider prägt Abbruch statt Aufbruch auch 2019 den Pflanzenschutz. Mehr Mittel werden aus der Zulassungsliste verschwinden als neue darin auftauchen. Verschärfte „Cut-off“-Kriterien für Wirkstoffe, die als gefährlich für Menschen oder Nutzorganismen gelten, machen den vorhandenen Wirkstoffen den Garaus. Den Nachschub an potenziellen Ersatzprodukten verhindert auch der Zulassungsstau in der EU, der sich vor allem in den besonders gründlichen deutschen Pflanzenschutzbehörden in Stapeln unbearbeiteter Anträge manifestiert.

Die Themen der Pflanzenschutztagungen sind 2019 gesetzt. Welche Mittel stehen noch zur Verfügung? Welche Schädlinge lassen sich gar nicht mehr bekämpfen? Welche Produkte wirken wegen Resistenzen nicht mehr? Für einige Pflanzenschutzprobleme werden die Fachleute keine zufriedenstellenden Lösungen mehr bieten können. Und das ist erst der Anfang, denn in den kommenden Jahren setzt sich die Erosion in der Mittelverfügbarkeit fort. Wir dürfen gespannt sein, welche Vorschläge Julia Klöckner in ihrer Ackerbaustrategie für den künftigen Pflanzenschutz macht. Der große Wunsch für das neue Jahr an die passionierte Winzerin:  Bitte mehr neuen Wein in robusten Schläuchen.

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