Dagmar Behme zum Pflanzenschutz

Pauschal die Hälfte nutzt niemandem

Dagmar Behme
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Dagmar Behme
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Pflanzenschutz braucht bei Bedarf die volle Dosierung, denn auch Nutzpflanzen müssen behandelt werden können, wenn sie erkranken.

Eine neue Richtlinie aus Brüssel will den Konsum von Arzneimitteln bis 2030 auf die Hälfte absenken. Die EU-Kommission argumentiert mit Umwelt- und Gesundheitsrisiken durch den verbreiteten Missbrauch der Pillen. Außerdem seien in den meisten Fällen ausreichend nicht-chemische Alternativen zu den Medikamenten verfügbar. Kann das denn wahr sein? Das fragen Sie jetzt zu Recht. Denn tatsächlich ist eine solche Richtlinie nicht in Vorbereitung.

Keine Politikerin, kein Politiker – und seien sie noch so grün – würde es wagen, so massiv in die Entscheidungsfreiheit einzelner Bürgerinnen und Bürger einzugreifen. Warum stehen dann Landwirte, die ihre Pflanzen gesund erhalten und Erträge sichern möchten, für jedes Gramm „Pestizide“ am Pranger? Wenn gleichzeitig Menschen Aspirin und Co im Übermaß schlucken dürfen, selbst wenn sie damit gewaltige Folgekosten für die Umwelt und die Gesundheitssysteme verursachen?

Natürlich hinkt der Vergleich. Medikamentenmissbrauch schädigt in der Regel nur einzelne Menschen, wogegen Fehlanwendungen im Pflanzenschutz weite Kreise ziehen können. Selbstverständlich sollten Reglementierungen der Privatsphäre die Ausnahme bleiben, wogegen Umweltauflagen für Wirtschaftsbranchen im Sinne der Allgemeinheit selbstverständlich sind. Und dennoch lohnt sich das Gedankenspiel. Denn niemand würde es gutheißen, dass wegen des verbreiteten unsachgemäßen Pillenschluckens pauschale Reduktionsziele verordnet würden. Dann stünde den wirklich Schwerkranken wirksame Medizin entweder gar nicht mehr oder nur noch in unzureichender Dosierung zur Verfügung.

Hoffentlich wächst in Gesellschaft und Politik – auch angesichts einer engeren Lebensmittelversorgung – das Verständnis, dass Nutzpflanzen ebenfalls krank werden können und dann Medizin brauchen, um dennoch eine ertragreiche und gesunde Ernte zu erzielen. Hoffentlich wächst die Einsicht, dass zum Schutz „Pestizide“ verwendet werden. Das Wort hat sich leider zum Kampfbegriff entwickelt, obwohl der englische Begriff „pesticide“ nichts mit der Pest zu tun hat, sondern dem deutschen Wort Pflanzenschutzmittel entspricht. Hoffentlich lässt sich endlich vermitteln, dass die in Deutschland zugelassenen Produkte akribisch auf Umwelt- und Gesundheitsrisiken geprüft sind und deren Anwendung – bei sachgemäßem Gebrauch – sicher ist.

Natürlich gibt es Schwarze Schafe, die Pflanzenschutzmittel nicht immer nach bestem Wissen und Gewissen ausbringen. Gegen solches Fehlverhalten Einzelner helfen aber niemals strengere Auflagen, sondern nur Kontrollen. Im Übrigen hat die Landwirtschaft selbst ein ureigenes Interesse, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verringern, um Kosten zu sparen und Biodiversität zu erhalten. Dass die gesamte Agrarbranche mit Hochdruck Alternativen zur Chemie sucht, hat sie gerade eindrücklich zu den DLG-Feldtagen in Kirschgartshausen demonstriert. Dennoch bleiben die Betriebe auch künftig in Jahren mit hohem Krankheits- und Schädlingsdruck auf wirksame Produkte angewiesen – in voller Dosierung. Bei heftigen Kopfschmerzen empfiehlt auch niemand eine halbe Aspirin.
  1. Helmut Lehner
    Erstellt 22. Juli 2022 18:36 | Permanent-Link

    Liebe Dagmar Behme,
    Mit dem Reduktionsziel hätte ich echt keine Probleme, wenn die EU endlich Crisper Cas genehmigen würde. Dann könnte die Pflanzenzüchtung das Heft aktiv in die Hand nehmen. Resistente Pflanzen, an denen Schädlinge keinen Apetitt mehr haben. Wenn die dann noch mit ganz wenig Wasser auskommen...
    Bei den Herbiziden wage ich zu vermuten, dass hier Roboter das Feld in großen Teilen übernehmen werden und hacken. Wichtig wäre es dann, wenn man mit den Herbiziden noch eine Punktapplikation machen könnte. Idealerweise die Robbies nur mit der Sonne angetrieben. Bei großen Betrieben kommen die dann als Schwarm aufs Feld.
    So könnte ich mir die Zukunft gut vorstellen. Auch wenn wir Händler dann Umsatz verlieren - was solls. Wir müssen der Zukunft entgegengehen, nicht hinterherlaufen.

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