Dagmar Behme zur bayerischen Eiweißstrategie

Einbildung

Seit einem halben Jahr ist sie bayerische Agrarministerin. Wie ihre Vorgänger überschätzt Michaela Kaniber völlig den Einfluss weiß-blauer Politik.

In der nachrichtenarmen Zeit – die Sommerferien im Freistaat dauern noch bis Anfang September - lässt sich schon mal zur Landtagswahl im Oktober mobilisieren. Um die Segnungen des bayerischen Wegs in der Agrarpolitik zu preisen, verkündet Kaniber einen regelrechten Durchbruch. Mit der 2011 gestarteten bayerischen Eiweißinitiative sei es gelungen, 300.000 t Sojaimporte zurückzudrängen, frohlockt die Ministerin. Auf die engagierte Landespolitik führt sie zurück, dass statt 800.000 t Soja aus Übersee nach sieben Jahren nur noch 500.000 t im Freistaat anlanden. Welch eine Selbstüberschätzung!

Der Rückgang der Sojaimporte in dieser Größenordnung ist mitnichten eine Folge der speziellen bayerischen Anbau- und Fütterungsberatung, sondern zum Großteil der Forderung der Molkereien nach Futter ohne Gentechnik geschuldet. Rindviecher in ganz Deutschland erhalten deswegen heute fast durchweg nur noch Rapsschrot als Eiweißkomponente. In Bayern sind so 220.000 t Sojaschrot aus den Rationen entfernt worden. Das stattdessen benötigte Rapsschrot für die bayerischen Kühe stammt allerdings nur zum Teil aus in Bayern gewachsener Rapssaat. Die Anbaufläche hat in den vergangenen sieben Jahren zwar zugenommen, aber das Angebot reicht längst nicht aus, um die zahlreichen Rindviecher im Freistaat zu ernähren. Den Molkereien ist es übrigens auch völlig wurscht, ob das Schrot aus deutschem, tschechischem, französischem oder australischem Raps gewonnen wird – Hauptsache, es ist frei von Gentechnik.

Einen noch größeren Eiweißbedarf haben die bayerischen Schweine. Wenn Kaniber in den Schweinetrögen des Freistaats innerhalb von sieben Jahren einen Rückgang um 80.000 t Sojaimporte geltend macht, sind diese Mengen ebenfalls nur zu einem Teil mit Eiweißfutter von bayerischen Äckern ersetzt worden. Die andere Eiweißquelle steht in Straubing. Seit 2015 verarbeitet die dortige Ölmühle Sojabohnen aus Europa, die aber ebenfalls nur zum geringen Teil in Bayern gewachsen sind, sondern überwiegend aus dem Donauraum oder der Schwarzmeerregion stammen.

Bleibt der gestiegene Anbau von Eiweißpflanzen, den Kaniber auf das Konto der bayerischen Agrarpolitik verbucht. Immerhin sind aus dem Landeshaushalt für die Eiweißinitiative Fördermittel in Höhe von 7,4 Mio. € für Forschungs- und Beratungsprojekte geflossen. Wer sich schon ein bisschen länger mit Agrarsubventionen befasst, weiß, dass hauptsächlich die Flächensubventionen aus Brüssel den Ausschlag für Anbauentscheidungen geben. Bis 2007 konnten Eiweißprämien die Bauern motivieren, mehr von den ertragsschwachen Körnererbsen und Ackerbohnen anzubauen oder sich an die exotischen Sojabohnen zu wagen. Nach dem Wegfall dieser Subvention verschwanden die Körnerleguminosen weitgehend, auch von bayerischen Äckern, bis der Anbau 2015 durch die Greening-Regeln der EU wiederbelebt werden konnte.

Abgesehen von dieser politisch ausgelösten Berg- und Talbahn der Anbaufläche leisten die „Hülsenfrüchten zur Körnergewinnung“, wie die Eiweißpflanzen in der Agrarstatistik heißen, aber keinen großen Beitrag zur Proteinversorgung der Rinder und Schweine im Freistaat. Von den nicht einmal 34.000 ha Körnererbsen, Ackerbohnen und Sojabohnen, die 2018 auf bayerischen Äckern stehen, lässt sich lediglich eine Ernte von etwa 100.000 t gewinnen. Futtermittelhersteller reißen sich nicht um diesen Rohstoff, der von Jahr zu Jahr in völlig unkalkulierbaren Mengen und Qualitäten anfällt. Wenn sie die Wahl haben, geben sie dem hochwertigen Eiweiß aus importiertem Soja den Vorzug.

 

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